Excrementory Grindfuckers Riot Instinct Sex After Violence Godskill Surface

Jan Termath
Fotograf


Jazz Styx
Redakteur


31.10.2015


Excrementory Grindfuckers

|| Riot Instinct || Sex After Violence || Godskill || Surface ||

HDJ Stellingen, Hamburg

Tom, der Frontmann von SURFACE, lädt ein, den Kraken zu befreien. „Unleash the Kraken“ heißt der Konzertabend, der nun schon das vierte Mal und diesmal sogar mit einem ziemlich prominenten Headliner stattfindet. In den Räumlichkeiten des HDJ Stellingen geben sich aber nicht nur die EXCREMENTORY GRINDFUCKERS alle Mühe, ein achtarmiges Ungetüm zu entfesseln, sondern auch SURFACE, GODSKILL, SEX AFTER VIOLENCE und RIOT INSTINCT kämpfen für die Freiheit des Seeungeheuers. In dem viel zu stark beleuchteten Veranstaltungszentrum im Nordwesten Hamburgs sammeln sich die ersten Fans harter Klänge zu etwas, was zunächst den Eindruck einer alternativen Schulveranstaltung macht: Metaller treffen auf Turnhalle. Etwas weiter hinten, in einem abgetrennten Raum mit konstantem Rotlicht-Überfluss, liegt ein gigantischer – imaginärer – Oktopus in Ketten.

RIOT INSTINCT sind die ersten, die sich an den Fesseln des Monsters zu schaffen machen. Mithilfe eines uralten Traditions-Rezepts für Thrash Metal schreddern und drummen sie auf die Ketten des Kraken ein. Noch ist die Metaller-Armee etwas zurückhaltend und auch noch nicht allzu groß, aber die Extraportion Death, die RIOT INSTINCT in ihre Musik legen, sägt gewaltig – vielleicht sogar etwas zu laut – an den Fesseln. Kleine Versehen ragen aus der thrashigen Coolness der Musiker heraus, aber Kommentare wie „Ach so, nee, wir fangen doch anders an!“ und „This is Kingdom of Disease! Einer der neuen Songs. Ich mein, ihr kennt bestimmt noch keine Songs von uns, aber für uns ist er einer der neuen!“ machen letztendlich nur sympathischer. Und gerade diese neuen Songs sind es, die mit mehr Komplexität, Geschwindigkeit, Härte und Rohheit für RIOT INSTINCT werben. In die Richtung darf es gerne weitergehen! Das denkt sich auch der Kraken, der nun schon einen seiner acht Arme wieder frei bewegen kann.

SEX AFTER VIOLENCE heißen die Jungs, die den zweiten Akt zur Befreiung des Monsters beisteuern. Mit einem gekonnten Genremix, der wohl am ehesten auf thrashigem Groove Metal aufbaut, attackieren sie die Trommelfelle der zunehmenden Metaller-Menge. Während die Ansagen mitunter ein bisschen gelangweilt oder berauscht klingen, finden sich im Gesang Elemente, die nach Hardcore und Nu Metal klingen. Die vielseitige, progressive Musik wiederum reicht hin bis zu breakdownigen Passagen und Ska-Punk-Anleihen, die unter „Oi!“-Rufen auf die Ketten des Monsters geschleudert werden, bis sich ein weiterer Arm in Freiheit befindet.

Nach Thrash und Progressive Groove soll nun eine noch härtere Gangart zur Entfesselung beitragen: Death Metal in Form der Heilbronner von GODSKILL. Irgendwo zwischen den Haaren des Sängers befindet sich auch ein Gesicht, das zwar recht undeutliche Ansagen von sich gibt, aber ziemlich astreine Death-Growls erzeugt. Mittlerweile ist der Raum locker gefüllt und auch hier fliegen überall Haare. Eine interessante Besonderheit von GODSKILL sind die teilweise deutschen Texte. Dagegen kann die nur gelegentlich zusätzlich genutzte Stimme des Gitarristen nicht wirklich überzeugen. Dennoch wird ein weiterer Arm der Bestie befreit, die nun schon einiges an Bewegung in die dunkle Menge bringt.

Befreit den Kraken!

Olympic Thrash und Death Metal, das ist die Musik von SURFACE. Und die geht ab! Spätestens jetzt kommt der Abend richtig in Fahrt. Leider ist die Akustik nicht direkt umwerfend und die Stimmung war schon aufgeladener bei SURFACE-Konzerten, aber das ist wohl eher der Location zuzuschreiben als der Band. „1 … 2 … 3 … 4 … Befreit den Kraken!“, schreit Sänger, Gitarrist und Veranstalter Tom und löst damit eine furiose Wall of Death aus. Neben „Rise of Kronos“, dem Titelsong des aktuellen Albums, ist ein weiterer Höhepunkt das Finale des Auftritts, als die Musiker das Publikum ans Mikro lassen. Unter den freiwilligen Sängern befindet sich ein circa 13-jähriges Kind, das so überzeugend growlt, dass man sich um den Hamburger Death-Metal-Nachwuchs keine Sorgen machen muss. Tom geht derweil mit der Gitarre durch die Fans, die nicht die Bühne gestürmt haben. SURFACE reißen mit einem gewohnt starken Auftritt sogar zwei weitere Arme des Kraken frei.

Noch drei Monsterarme verbleiben gefangen. Können EXCREMENTORY GRINDFUCKERS die entfesseln? Verstörend, chaotisch, kaputt und schwer verständlich beginnt die Grindcore-Fun-Metal-Band, die die meisten dieser Attribute wohl als Kompliment empfindet. Ein paar Fragen: Hat Hasselhoff wirklich „I’ve been looking for Grindcore“ gesungen? Wissen die Jungs, dass ihr Song „Is aber nich!“ klingt, als hätte man Knorkator in eine Blechtonne gesperrt und einen Berg hinuntergerollt? War die erste Konzerthälfte eigentlich – wie behauptet – nur der Soundcheck? Wie viele Genres kann man eigentlich mischen – pro Minute? Geht es schneller, wenn alle gemeinsam rufen: „Tom, wir wollen ein Bier!“ Was ist der beste Song der EXCREMENTORY GRINDFUCKERS? Wahrscheinlich „Picknick im Widerschein der astralen Kuhglocke!“ Wie egal kann einem die Klangqualität bei einem Konzert eigentlich sein? Was meinen die eigentlich mit „grauenvolles Publikum“? „Guck mal, da oben! Möwen!“ Ist der Kraken befreit? So jedenfalls klingt es! Wann ist das Konzert zu Ende? Einige Minuten, nachdem alle Lichter angehen, der „Final Grinddown“ gespielt wird und Mitternacht beinahe erreicht ist. Hat es allen gefallen? Nein, aber sehr, sehr, sehr vielen und denen so richtig!


Ein Abend geht zu Ende, der sich fortwährend gesteigert hat. Thrashig begann es mit RIOT INSTINCT, groovig setzten SEX AFTER VIOLENCE einen drauf, deathig drehten GODSKILL auf und olympisch schredderten SURFACE die Krakenarme frei. Vielleicht war dort der qualitative Höhepunkt auch bereits erreicht, denn EXCREMENTORY GRINDFUCKERS hatten mitunter mehr von einem katastrophalen Verkehrsunfall in einem dunklen Tunnel als von Musik – aber die Verantwortung dafür teilen sie sich wohl mit dem überbeanspruchten Equipment und dem mittelmäßig geeigneten Veranstaltungsort. Eine gelungene Party war es in jedem Fall! Danke und bis nächstes Jahr!