She Past Away Golden Apes

Jan Termath
Fotograf


P. Lugosi
Stammredakteur


05.11.2016


She Past Away

|| Golden Apes ||

Bi Nuu, Berlin

Was nehmen wir nicht alles in Kauf, um auch aus fremden Regionen jenseits von Dulsberg und St. Pauli heiße Berichterstattung abzuliefern? Konzertfotografie P3Hamburg begibt sich in die Hauptstadt. Warum? Was ist los in Berlin? Was macht Merkel vor der US-Wahl und warum darf Leberkäse außerhalb Bayerns nur Fleischkäse heißen? Die türkische Darkwave-, Post-Punk-Frischzellenkur nicht zu vergessen. Klingt komisch? Weiterlesen.

Noch bevor echte Cowboys sich duellieren, also vor High Noon (12 Uhr Mittags), rollt Hamburg im Berliner Westend ein. Von da aus gibt es ein erstes, festgestecktes Zielfähnchen. Na logisch, zum Alexanderplatz, Bahnhof Zoo, Brandenburger Tor, Bundestag, ins Mauercafé (gegenüber der Mauer), zur Bornholmer Straße oder gucken, ob Charlie noch den Checkpoint hat? Einige der Orte werden zwar tourimäßig abgelatscht, aber als allererstes fahren die Hamburger nach Wedding, um dort einen großartigen Fleischkäse (u. a. Zwiebel) im Brötchen zu verhaften. Grotesk, aber wunderbar. Ab Nachmittag wird dann der eher hanseatische Dauerregen ausgepackt (als hätten wir uns ein Tröpfchen Hamburg mitgebracht). Alles ist trist, grau und bunt zur selben Zeit, irgendwie menschenfeindlich. Berlin ist eine komische Stadt.

Im Bi Nuu, direkt am U-Bahnhof Schlesisches Tor, spielen heute gleich zwei Anhänger der früheren 80er Dunkelära. GOLDEN APES aus Berlin und das türkische Duo SHE PAST AWAY. Berlin ist entspannt und trinkt Astra, gute Voraussetzungen.
Die GOLDEN APES haben was zu feiern. Sie bringen ihr mittlerweile 8. Studioalbum „M Ʌ L V S“ raus, und das „besagte Stück Plastik“ ist heute Abend am örtlichen Handelsstand zu bekommen (offizieller VÖ: 25.11.).

Holzplanken hängen von der Bühnendecke, sieht interessant aus und könnte effektvoll werden. Nacheinander begrüßen die „goldenen Affen“ die vermehrt schwarz gekleideten Gäste. Bis alle bereit und zufrieden sind, dauert es ein wenig, aber dann geht’s (mit zuerst dumpfen Sound) endlich los. Die Band ist schon lange dabei und präsentiert hauptsächlich neues Material. Auch wenn man die Lieder noch nicht im Ohr hat, kommt ihr alternativer Gothic-Dark-Wave-Post-Punk gut rüber und zwischendurch fühlt man sich an andere Klassiker-Perlen desselben Genres erinnert. Schlagzeug und schöne Keyboardflächen gibts vom Drumcomputer und Synthesizer. Die Band ist soweit gut drauf, bis auf Sänger Peer Lebrecht. Trotz starker Leistung am Mikro wirkt er elanlos und niedergeschlagen, seine Depri- und Alles-ist-so-sinnlos-Haltung vielleicht etwas zu stark gekünstelt. Er erfüllt das Klischee eines kettenrauchenden, tragischen, innerlich zerrissenen Künstlers nur allzu sehr, Ian Curtis oder Nick Cave könnten als Attitüden-Vorbilder hingehalten haben. Sicher, um einige Dinge zu tun, muss man sie fühlen und durchleben und leiden, aber auch wenn man das Bild immer groß malen soll, muss es nicht überzeichnet werden, so kommen wir nämlich zur Karikatur. Dem Gesamteindruck, vor allem musikalisch, tut das glücklicherweise keinen Abbruch. Die GOLDEN APES schreiben gute Musik, die live ihre zündenden Momente hat, um den Zuhörer in einen atmosphärischen Bann zu ziehen. Ein bisschen Pleiten, Pech und Pannen gibt es auch: mehrere Bandmitglieder, allen voran Peer Lebrecht, stoßen sich diverse Male die Rübe an den baumelnden Holzplanken, stolpern über Kabel oder lassen das Mikro fallen. Ein letztes Lied spielen sie noch, das sich aufbauende „Riot“. Vom leicht verhaltenen Publikum wird Zuspruch verlangt: „Sollen wir den noch spielen? Ja? Wir waren uns da nicht ganz sicher.“ Ein langes Headliner-Set endet im Applaus.

So zögerlich, wie die GOLDEN APES starteten, fackeln die türkischen Exoten aus der Fledermaushöhle nicht lange. Die zwei Mannen greifen sich Gitarre und Synthi-Drumcomputer-Keyboard-Sampler-Pult und legen einfach los, als würden sie im Proberaum stehen und ihre Musik für sich selbst zelebrieren – der perfekte Startschuss. Das Stimmungsbaromter wird umgehend weiter aufgedreht, freudige Rufe aus dem Publikum und ein mitgehendes Bi Nuu. So simpel und so gnadenlos unbeeindruckt ziehen SHE PAST AWAY ihr Ding authentisch und überzeugend durch, so dass man das Gefühl hat, eine Zeitreise in die frühen und düsteren 80er zu unternehmen (geschmacklose Mode inklusive). Jedes Stilelement ihrer Musik ist einem strikten Vorbild untergeordnet, sie erfinden das Darkwave-Rad nicht neu (muss man auch nicht!), bedienen sich an allerhand schon Dagewesenem und genau DADURCH entsteht ein eigener Kosmos an Originalität, wie er in dem Genre heutzutage selten zu finden ist. Eine wahre Frischzellenkur, die die Band um den Erdball und zu allerhand neuer Ohren führt.
Robert Smith und Volkan Caner scheinen die gleiche Gitarren-Effektpalette zu benutzen, der Gesang ist tief wie der von Andrew Eldritch, die in Türkisch verfassten Texte könnten genau so gut auf Französisch vorgetragen werden und das treibende Elektro-Schlagzeug wird von Hand und Drum-Pad eingekloppt. Der monotone, extrem tanzbare Rhythmus geht in die Beine, sowieso scheint es, als gäbe es allerhöchstens zwei unterschiedliche Tempi, macht aber nix, Coldwave pur. Die Band braucht heute Abend nicht viel zu unternehmen, Berlin und Istanbul sind bereits Freunde.

Coitus Interruptus!

Aufgrund falsch angegebener Bühnenzeiten und der damit einhergehenden Verspätung im Ablauf, muss das Konzert unsererseits frühzeitig abgebrochen und die Heimreise angetreten werden. Entschuldigung geht an SHE PAST AWAY, die wahrscheinlich ein super Konzert gespielt haben. Auf ein Wiedersehen in Hamburg.


Wer beide Bands noch nicht kennt, aber Sisters of Mercy, Joy Division, Nick Cave und generell 80er-Jahre-Post-Punk-Gothic-Darkwave-Zeugs mag, seien diese „kältesten“ ans Herz gelegt. Wer auf „Boom Boom Big City Life“ steht, möge schleunigst nach Berlin ziehen. Frau Merkel weiß noch nicht, wie sie es finden soll, dass tatsächlich Donald Trump ihr bald die Flosse in die Raute steckt – und Leberkäse darf außerhalb Bayerns nur Leberkäse heißen, wenn auch wirklich Leber drin ist, ansonsten Leberkäse bayrische Art oder eben Fleischkäse. Wieder was dazugelernt.