Seasick Steve Black Box Revelation

Jan Termath
Fotograf


P. Lugosi
Stammredakteur


20.10.2016


Seasick Steve

|| Black Box Revelation ||

Fabrik, Hamburg

Es gibt Menschen, die Geschichten erzählen können und es gibt Menschen, die selbst die Geschichte sind. Beides trifft auf Steve Wold alias SEASICK STEVE zu. Dieser über 70 Jahre alte Mann hat wahrscheinlich schon mehrere Leben gelebt, samt allen Hochs und Tiefs, die einem über den steinigen Weg laufen. Wer hätte gedacht, dass man im letzten Abschnitt auf der Daseins-Uhr noch mal derart am Zeiger dreht, auf die Kacke haut und Träume durchlebt, die man sich nicht hätte erträumen lassen? Der späte und überwältigende Erfolg, die ausverkauften Tourneen und den weltweiten Zuspruch auf seine urige und äußerst sympathische Art. Er selbst jedenfalls nicht. Der Mann mit dem Bart und den freundlichen Augen, der Mütze, dem Holzfällerhemd und T-Shirt, dem blechernen Blues und den selbstgebauten Gitarren aus u. a. Zigarrenkisten und Autofelgen. Für viele ist SEASICK STEVE ein „Phänomen“. Möglicherweise spricht Hoffnung aus seiner Person und den Texten, dass es nie zu spät ist, dass man es schaffen kann und noch immer wieder Wunder auf dieser verrückten Erdkugel geschehen. Denn ist es nicht so: Das Leben schreibt immer noch die besten Geschichten?

Die belgischen BLACK BOX REVELATION sind eine der Lieblingsbands vom SEEKRANKEN STEVE, wie er später am Abend erzählen wird, daher eine schöne Geste, sie auf seiner Tour durch Europa eröffnen zu lassen. Musikalisch passt das wie Arsch auf Eimer, selbst wenn das bluesige Garagen-Material der beiden Musiker (Gitarre/Gesang und Schlagzeug) rockiger und druckvoller in den „Dachstuhl“ der Fabrik steigt. Von Anfang an wird Applaus geerntet und das Liedgut ihres aktuellen Albums „Highway Cruiser“ geht in den nickenden Nacken; überdurchschnittlich hoher Ohrwurmbefall. In der Einfluss-Suppe schwimmen stichwortartig: 70er Jahre Rock, Black Rebel Motorcycle Club, Rolling Stones, ein wenig Wolfmother und gesanglich könnte dort auch Richard Ashcroft von The Verve am Mikro stehen – allerdings spielen BLACK BOX REVELATION und sie haben einen eigenen, mächtigen Sound. So innovativ, wie Bluesrock mit nur zwei Bandmitgliedern sein kann, wird er hier mitreißend und facettenreich präsentiert. Der Schlagzeuger freut sich bei jedem einzelnen Schlag, der Sänger dankt. Die proppevolle Fabrik auch. Durch die Bank weg überzeugt. Pause, Umbau, Bier holen.

Ohne Tamtam geht das Licht aus und SEASICK STEVE betritt mit seiner runtergerockten Akustikgitarre die Bühne – „Standing“-Ovation! „Seit fünf Jahren habe ich keine Zeitung gelesen oder mir die Nachrichten im Fernsehen angesehen, und doch weiß ich, wer Donald Trump und Hillary Clinton sind“, erzählt er und holt noch etwas weiter aus … überraschend ruhig wird mit „Abraham, Martin And John“ eröffnet. Sofort ist – bis auf das Pappbecher-Klacken an den Bars – Ruhe im Karton. Endlich steht er da, der gute Steve. Jeder versucht einen noch besseren Platz zu ergattern, doch es ist so voll, dass die Leute zu allen Seiten bis nach hinten stehen müssen, um überhaupt was von der coolen Socke zu sehen. Ausverkauft! Steve freut und erinnert sich: Schon mal spielte er an diesem Ort, in diesem schönen Gebäude, wie er sagt, um so größer die Freude, dass die Tickets weggingen wie warme Backfisch-Brötchen am Hafen.

Die Frage ist nicht, was man hat, sondern was man daraus macht.

Steves Buddy und der verlorene Bruder von Animal aus der Muppet Show, Dan Magnusson, stößt hinzu und bringt die Trommeln ins Spiel. Derbe lässig und rockig was die Bärte hier mit so wenig „Verwertungs-Equipment“ auf die Beine stellen. Da zeigt sich: Die Frage ist nicht, was man hat, sondern was man draus macht. Außerdem ist es im Blut – Vollblut-Musik(er). Es wird improvisiert und geschraddelt, ge“bottleneck“t und zelebriert. Alles ist pur und echt, die Stimmung grandios, immer wieder begeisterter Beifall. Solche Konzerte sind Wohlfühlmomente und wirken wie Antidepressiva. Deswegen sind die Leute, die Steve schon mal gesehen haben, zahlreich wiedergekommen, haben über 40 Euro locker gemacht und trinken ordentlich Bier und grinsen sich den Alltags-Blues weg; von Anfang 20 bis über 70 ist alles dabei, jeder hat das Recht auf gute Laune. „Let’s have a good time!“ wäre ein passendes Abendmotto.
Obligatorisch bittet Steve eine Dame aus dem Publikum auf die Bühne, um ihr den „Walking Man“ als Ständchen bringen zu dürfen; er darf. Auch seine kultige, zusammengezimmerte Diddley Bow und der Sänger von BLACK BOX REVELATION dürfen noch mal mit anfassen. Fast zwei Stunden gibt es rohen Storyteller-Bluesrock und der Seekranke zeigt stolz die neue Platte „Keepin’ The Horse Between Me And The Ground“, signiert später einiges an Fan-Ware und ist glücklich am Leben zu sein. Absolut geiler Typ. So will man in dem Alter auch noch drauf sein. SEASICK STEVE rules!


Nach einer derartigen Darbietung, ohne große Show, ohne Schnick Schnack, dafür umso mehr Lebensfreude, Lockerheit und amerikanischer Coolness, ist man wahrlich inspiriert. „Das kannst du auch, du musst es nur machen!“, könnte man für einen kurzen Moment gedacht haben, ob es nun um Musik geht oder nicht. Um Charles Bukowski an dieser Stelle passend zu zitieren: „You can’t beat death, but you can beat death in life sometimes.“