Sarah Ferri

Jan Termath
Fotograf


P. Lugosi
Stammredakteur


01.03.2017


Sarah Ferri

Nochtspeicher, Hamburg

Im Heimatland Belgien bereits eine Senkrechtstarterin, wird SARAH FERRI im restlichen Europa eher langsam entdeckt und spielt sich auf ihrer Tour zum aktuellen Album „Displeasure“ mit ihrer herzlichen Art, der großen Stimme und einem Stilmix aus zigeunerischem Folk, Swing, Jazz, Blues, melancholischem Pop und flandrischen Elementen in die Gehörgänge und Herzen. In Hamburg stoppt sie auf dem letzten Gig der Tour im gemütlichen Nochtspeicher auf St. Pauli.

SARAH FERRI im Nochtspeicher, Hamburg
Großer Abend im kleinen Rahmen

Zwischen Sektmischen, Wein und Bier gibt sich das durch alle Altersklassen gefächerte Publikum entspannt, inspiziert die auf der Bühne bereitstehenden Instrumente und übt sich in nordischer Zurückhaltung, als SARAH FERRI und ihre Band um Gitarre, Bass/Kontrabass und Schlagzeug die kleine Manege betreten. Zentral sitzt sie an ihrem Keyboard und ist zweifelsfrei die Hauptakteurin, gibt den Ton an und schüttelt ihre Musik – mal leicht, verswingt, düster, melancholisch, lieblich, zart, laut, leise und heiter – so locker aus dem Ärmel ihres goldfarbenen Kleides, als würde sie Schornsteine verkaufen. Denn Madame Ferri hat dies tatsächlich getan. Sie teilt mit, dass sie den damaligen Job und das Studium aufgab um sich vollends der Musik zu verschreiben, was nicht leicht war und immer noch nicht ist, aber getan werden musste, um zu spüren, dass die Musik und sie selbst „die Hauptrollen in ihrem Leben spielen“. Sehr sympathisch und mutig, auch wenn ihr selbst geschriebenes und gefühlvolles Liedgut ganz eigene Bände spricht und der Erfolg daher nicht wirklich überraschen dürfte.

SARAH FERRI im Nochtspeicher, Hamburg

Die Band ist hervorragend, lässig und hat sichtlich Spaß, wenn kleine Einsätze verpatzt, Insiderwitze über Augenzwinkern kommuniziert werden oder Rückkopplungen durch den Raum dröhnen und alles an Sound schlucken. Lachen und mit Herzblut weitermachen. Hamburg macht trotz drei Metern Sicherheitsabstand zur Bühne mit. Live besitzen dargebotene Songs wie „A Place On The Moon“, „The Man That Was Bored“, „The Jump“, „She’s On Fire“, „The Bird With The Broken Wing“ oder „Old Habits“ eine bombastische Durchschlagskraft, welche heimische Stereoanlagen oder YouTube nicht bieten können, insbesondere in Sachen Stimmgewalt unglaublich stark und eindrucksvoll. Mit „God Gave Us A Rainbow“ war es im Nochtspeicher wahrscheinlich nie epischer. Großes, durch Ennio Morricone inspiriertes Italo-Western-Kino. Wie für epochale Theater gemacht.

„It’s time for darkness again … sorry.“

Um an dieser Stelle im Namen einiger Gäste für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen: völliges Unverständnis verbreiten zwei Anwesende in den besten Wechseljahren, die völlig schmerzfrei, selbstgerecht und pausenlos mit Smartphone, grunzendem Gelächter und störender Konversation die Zuhörer in den ersten Reihen nerven. Wahrscheinlich hätte auch kein zaghaftes Vorschlaghammer-Klopfen gegen die Stirn geholfen. Glücklicherweise dringt nichts von all dem respektlosen Murks zur Bühne, so dass die autodidaktische SARAH FERRI und Kumpanen mit diversen Zugaben (u.a. das ruhige ‚Where Home Was‘ und ‚Displeasure‘) ihr Set ungestört vollenden können. Doch Hamburg bleibt nach mehrfacher Verbeugung der Musiker stehen, verlangt stillschweigend – neben Applaus und begeisterten Pfiffen – nach mehr, die Band scheint leergespielt und muss ein As aus dem goldenen Ärmel zaubern. Es wird – nachdem es schon Bestandteil des regulären Auftritts war – erneut ‚When The Giants Play Poker’ angestimmt, doch dieses Mal soll das Publikum seinen Zwangseinsatz (in Pokerfachkreisen „Ante“) leisten und den anspruchsvollen Chor mitsingen; es gelingt und so passiert es, dass nach erneuter Verbeugung, Dank- und Goodybye-Sagung, die aufbrechenden Gäste auf der Toilette des Nochtspeichers und auf dem Nachhauseweg, eben jene Melodie leichtfüßig daherpfeifen. Schönes Ende.


Vielleicht hat man heute Abend eine Künstlerin zum Anfassen nah erlebt, die in ein paar Jahren internationale Chartspitzen anführt, in den ganz großen Hallen und auf den Festivalbühnen dieser Welt wiederzufinden sein wird, unnahbar und verdient in einem Atemzug mit Superstars wie Lana Del Rey, Alicia Keys oder Zaz genannt. Diejenigen, die dabei waren, wird es umso mehr freuen. Aber auch wenn dies nicht der Fall sein sollte, bleibt SARAH FERRI zweifellos ein herausragendes Talent.