Samy Deluxe Willy Will Appletree

Jan Termath
Fotograf


P. Lugosi
Stammredakteur


28.10.2016


Samy Deluxe

|| Willy Will || Appletree ||

Mehr! Theater, Hamburg

Es ist soweit … Manchmal ist Mehr! mehr! – Ein Abend mit P3 Konzertfotografie … und SAMY DELUXE im Hamburger Mehr! Theater. Der etwas andere Lagebericht.

24 Stunden bevor SAMY DELUXE im Hamburger Mehr! Theater am Großmarkt – am ersten Tag seines Heimat-Doppelpack-Berühmte-letzte-Worte-Tourabschlusses – auf der Bühne steht, bekommen wir von P3 Konzertfotografie die finale Bestätigung, das Konzert visuell und schriftlich begleiten zu dürfen. Knappe zwei Monate haben wir gewartet, gehofft, es fast schon abgehakt, als Cheffotograf Jan Termath tatsächlich mit der frohen Botschaft kurzfristig ins Haus „simst“. Einige Dinge kommen zur rechten Zeit …

Bei SAMY DELUXE ist etwas passiert … und dieses Konzert kommt – noch ohne es zu wissen – genau richtig.
Für heute geht es Richtung Hamburger Hauptbahnhof. Treffpunkt. Nach dem Einkauf von Wegbier und Energy-Getränken schlendern Jan T. (Energy) und meine Wenigkeit (das andere) runter ans Wasser. Hamburger Großmarkt, Mehr! Theater. Dort waren wir – trotz Elbriot-Territorium – noch nicht zu Gast, sind früh dran und gespannt, was uns erwartet. Auf demselben Gelände habe ich im August noch SLAYER ange“himmelt“, denke ich.
Die zwei Pleitegeier, die die letzten Wochen von wenigen Euros ge(über)lebt haben um den Monat rumzukriegen, sind erleichtert: Kurz vorm ersten im Monat ist zum Glück endlich wieder Geld auf dem Konto. Endlich mal wieder was anderes als Nudeln. Scheiße, dass sich mit Geld alles ein bisschen leichter anfühlt. Jedenfalls, Freitagabend, schöner Herbsthimmel über Hamburg, gute Leude, was zu trinken, SAMY DELUXE – gude Laune vorprogrammiert.
In der langen Schlange vorm Veranstaltungsort stehen sinnvoll platziert: Ein englischer Doppeldecker-Bus als umfunktionierte Standbar, ein oder zwei Fresswagen und eine weitere Bierinsel. Da hat jemand mitgedacht – sehr gut! In Ruhe schauen wir uns um, werden freundlichst begrüßt, durchsucht und eingelassen. Ich komme mir vor wie bei einem Theater-Einlass. Oh, ist ja auch eins – Das Multi-Funktions-Theater, sozusagen ein „Mu-Fu-The“, nicht zu verwechseln mit dem ostalgischen Mu-Fu-Ti.
Hier ist alles bestens durchorganisiert, übersichtlich und logisch … und groß ist das Ding. Trotz einer angegebenen Kapazität von ca. 3500 Leuten, schätze ich grob wesentlich mehr; liegt vielleicht an der gewaltigen Deckenhöhe. Okay, nutzloser Werbestand für irgendein Neuwagenmodell ist auch am Start. Ungewohnt; man stelle sich das im Hafenklang vor. Auf dem Weg in die „Halle“ folgen weitere, hintereinander aufgereihte Getränkestände: Bier und Longdrinks/Cocktails. Top! Ich hol mir noch was, frage Jan T. ob ich ihm einen Longdrink ausgeben darf, er schlägt ihn aus. Pech gehabt. (Anmerkung der Redaktion: Herr T. hat das angebotene Getränk wieder „eingeschlagen“ bzw. neu eingefordert, da P. Lugosi ihn nach dem Konzert aufgrund übermäßigem Genussmittel-Genusses am vereinbarten Treffpunkt gänzlich vergessen hat.)
Wir gehen die „Location“ ab und gucken, von wo man gute Fotos machen kann. Während Jan T. Objektive und Winkel und Physik probiert, quatsche ich mit den Menschen, die sympathisch aussehend irgendwo rumstehen. So lernen wir auch Rene kennen. Rene ist uns am Abend schon mehrfach über den Weg gelaufen. Netter und schwer tätowierter Typ, der eigentlich eher auf Rock steht und eher durch Zufall allein auf dem SAMY DELUXE Konzert gelandet ist (Absagen). Es ergibt sich, dass Rene und ich uns einen Großteil vom Konzert zusammen ansehen, scherzen, Bier trinken und so weiter werden. Währet den Anfängen …
Langsam wird es Zeit; Jan T. positioniert sich bereits lauernd im Fotograben, Rene und ich stehen zentral vor der voll ausdekorierten Bühne im Berühmte-letzte-Worte-Look. Rene will noch schnell Getränkenachschub holen. Er fragt: „Schaff ich das noch?“ Wir gucken beide zur Bar und schätzen die Entfernung, es sind an die 20 mit Menschen vollgestellte Meter. Ich sage: „Das schaffst du.“ Er geht los. Kaum ist sein Glatzkopf im Getümmel verschwunden, wird das Licht gedämmt und es geht los. Weg is er und wird nicht wiederkommen. Dafür kommt DJ ViTO ansagermäßig auf die Bühne …

Der Youngster WILLY WILL darf ran, um das wirklich beeindruckende Mu-Fu-The aufzuwärmen. Vieles weiß man über den Jungspund nicht, aber es sei ihm absolut gegönnt, für 20 Minuten ein paar Stücke zwischen Auto-Tune und zappeligem Hip Hop bzw. Trap zu präsentieren. Viele kommen seiner Aufforderung nach und schalten das Handylicht ein, um der Atmosphäre auf die Sprünge zu helfen. Apropos: der Spross scheint in Samys KunstWerkStadt produzieren zu dürfen. Da kann man sich ja nur wie Bolle freuen. So denn, kurz und schmerzlos.
Fast pausenlos übernimmt unser österreichischer Nachbar APPLETREE und steigt Accapella-Doubletime ein: Bäm! Klatschende Hände, Gejohle und die aufmerksamen Ohren hat der sympathische Mann auf seiner Seite. Vieles geht zwar durch die unglaubliche Deckenhöhe im endlosen Raumklang verloren, dennoch muss man nicht alles verstehen, um zu merken, der Junge hat’s drauf, er hat Spaß, und alle machen mit. Die Beats sind fett und alles in allem ein stilsicherer Durchmarsch. Wie der Mann in seinem Outfit (Wollmütze und dicke Jacke) NICHT schwitzt, ist mir ein vollkommendes Rätsel. Vielleicht schwitzen Rapper nicht. Aber lassen wir die Körpersäfte, hauptsächlich wird die EP „Zwischen Stiernacken und Tiermasken“ angespielt. Da Samy inkl. DLX Band noch nicht auf der Bühne steht, könnte man denken, das Mehr! Theater flippt schon völlig aus, was man aber sicher sagen kann: Hamburg City ist begeistert. APPLETREE macht noch schnell ein Foto mit uns und darf für heute Abend zurücktreten.

Nach der Aufwärmephase beschließe ich, draußen noch schnell „frische“ Luft zu schnappen. Auf dem Weg dorthin tut sich ein bekanntes Gesicht vor mir auf. Da is er ja wieder! Der verlorene Rene steht in der Schlange an der Bierbar. Soll wohl so sein. Er holt jetzt den Biernachschub von eben nach. Wir gehen raus vor die Halle, zufällig fallen uns beiden Kräuterzigaretten aus der Tasche. Oh je, das gibt wieder Tortellini-Augen. Jan T. werde ich den Abend nicht wiedersehen …

Die Rapsupamacht schlägt zurück!

Jetzt aber rein. Wir hören es schon: SAMY DELUXE legt gerade los. Alles klar, Orientierung … und geschickt durch die Leute weiter nach vorne geschlängelt, zack, guter Platz bevor der erste Song zu Ende ist; das jahrelange Konzertbesucher-Dasein schult. Okay, kann losgehen … Prost Digga!
SAMY DELUXE + DLX BND spielen auf. Und sie spielen erstmal das komplette Berühmte letzte Worte Album durch. „Was würdste sagen, wenn du nur noch einmal die Chance hättest … Egal was die Konsequenz ist?“
Gute Frage, da muss man erstmal drüber nachdenken; Samy hat’s getan. Ich glaube, man versteht, warum SO ein Album dabei rauskommt. Er hat viel darüber zu sagen, was uns alle aktuell, gesellschaftlich, politisch und ganz privat in unseren vier Wänden, vor den Fenstern und Fernsehern umgibt und angeht; Dinge, mit denen fast jeder Mensch irgendwann in seinem Leben mal konfrontiert wird, wenn er die Maske ablegt und das Innere nach außen stülpt. Hosen runter. Rein, ehrlich und menschlich.
Um ehrlich zu sein, ich habe das Album vorher ein paar Mal gehört und es wollte nicht recht zünden. Keine Ahnung, woran es lag, manchmal ist sowas tagesformabhängig. Die heutige Tagesform ist anscheinend genau richtig, und die von Samy + Band auch, denn während Stück für Stück astrein und bombastisch – jetzt ergibt der hallige Sound im Mehr! Theater auch absolut Sinn und rundet alles ab – präsentiert wird, passiert irgendetwas.
Samuel Sorge „schreibt lieber Lieder und spricht Menschen aus der Seele“. Ja, kommt mir auch so vor. Ich stehe unter tausenden von Menschen und fühle mich allein mit dem großen Mann da auf der Bühne, in seiner klecksigen Malerhose aus der Werkstatt. Als würde man ihn kennen, mit ihm auf der Couch oder im Park sitzen und miteinander über das Leben und die Welt philosophieren und intime Momente teilen, so wie wirklich gute Freunde es tun. Bei solchen Texten ziehen unweigerlich ein paar Dinge am inneren Auge vorbei. Der Sound ist top, die Stimmung ebenso! Kurzum: voll drin und alles gut! Apropos:
„Alles ist so gut und das ist gut so. SO gut! … So gut, wenn man sich gut fühlt in ’ner Welt, die so gruselig ist. So gut, dass ich dieses Lied aufdreh’ und ins Dunkel kommt Licht … Yeah, so gut wie Weltfrieden plus Geld kriegen(!). Gib mir ein Peace-Zeichen. So gut, mir fällt kein Superlativ ein“ (So good)
Verdammtnochma, das ist echt ansteckend!
„Fühlt ihr das, Hamburg?“
JAAA MANN!!! Und wie … Ich zumindest; vor mir stehen zwei Büromädels, die mit halber Anteilnahme (einen Arm heben und schunkeln ohne zur Bühne zu schauen) über Arbeitskollegen und die Welt plaudern. Na ja. Jan T. erlebt laut eigenen Schilderungen vor der Bühne wohl ähnlich haarsträubendes, ignorantes Verhalten: „Unmittelbar vor der Bühne stehen die, die Bock haben, der Rest lief hinten so rum und verhielt sich, als wär das ein Konzert mit freiem Eintritt gewesen. Die Stimmung verliert sich so schnell im Saal, wie ein Standventilator, den man in eine Turnhalle stellt, der rotiert wie bekloppt, aber man merkt eben nichts.“ Trotzdem …
Alles ist Deluxe. SAMY DELUXE und supergeile DLX BND. Zwischendurch gibt es einen Schlagabtausch zwischen SAMY, dem mitgebrachten Piano und dem schneidigen Herren im Anzug, der dieses zu beherrschen weiß. So gut, so „tight“, dass ich lachen muss, die Leute um mich herum auch, sie feiern das total ab. Selbst Rene, der nicht so ganz reinkommt, wird ab und zu aus dem Versteck hervorgelockt und fühlt, dass das hier schon was richtig Gutes ist. Viel mehr als ein Hip Hop Konzert, beizeiten ist das vom Kaliber her ein Herbert Grönemeyer, Coldplay oder Phil Collins Konzert – natürlich nicht auf musikalischer Ebene und absolut positiv gemeint. Hut ab! Samys Stimme, seine Technik und dieses meisterhafte, ultralässige Können ist wirklich beeindruckend und zeigt, dass er selbst auf jeden Fall ein Instrument ist.
Rene holt nochmal Getränke. Dan-ke!
Samys Mama hatte gestern ihren 70. Geburtstag und sie ist heute anwesend. Ihr Sohn prophezeit, dass sie bei folgendem Lied, heute hier in Hamburg, weinen wird – „Von dir Mama“. Ich frage mich, wie viele jetzt an ihre Mama denken. Meine Mama hat in drei Tagen Geburtstag und wird 68. Nach den letzten zwei Jahren und schwerer Krankheit ist es ein Glück, dass sie noch da ist. Sie hat es erstmal gepackt und kämpft tapfer weiter. In diesem Sinne: Ich liebe dich, Mama!
Dann ist auch bald der erste(!), emotionale und nachdenkliche Teil des Sets vorbei. Der Ablauf ist mehr als passend gewählt. „Berühmte letzte Worte“ ist aus einem Guss, und so muss es wohl auch präsentiert werden: „Ich hatte das Gefühl es ganz spielen zu müssen. Jetzt kann ich auch wieder laut sein und rumschreien“, teilt er uns ruhig mit. Fühlt sich stimmungsmäßig genau richtig an. So was macht man mal nicht zwischendurch. Live ist dieses Album der Oberhammer! Kurze Pause … sammeln … durchatmen.

Auch wenn das schon hätte alles sein können, folgt nun quasi ein komplettes zweites Konzert. Los geht’s mit Hamburger Old School DJ-und-ein-Mic-Kellershit. DJ ViTO und der Big Baus of the Nauf aka Wickeda MC läuten ein Best-Of ein und drehen richtig auf. Rapper sagen „YO!“ Hamburg auch. Ab hier kommt eine Granate nach der anderen (Setlist checken!). Was kommt noch: „Leude, ich hab euch was mitgebracht. DIE Hamburger Hip Hop Band. Es gibt nur EINEHamburger Hip Hop Band! Wisst ihr, wen ich meine?!“ Jeder ahnt es, jeder WEIß es! Vorsichtige Euphorie. Yo, die BEGINNER stürmen die Bühne und legen den Triple „Füxe“, „Grüne Brille“ und „Meine Posse“ hin! Meine Fresse, wird „Meine Posse“ abgefeiert! ALLE LAM-PEN AN! Hab ich schon, alter Verwalter! Die BEGINNER sagen Tschüss. Der gute Rene auch. Wir verabschieden uns vorzeitig und vereinbaren, in Kontakt zu bleiben. Komm gut nach Hause!
Auf der Bühne: Unglaublich viel ASD-Zeug wird rausgehauen. Aha! Da ist doch was im (Eims)Busch. Tatsächlich! Samys Bruder AFROB ist ebenfalls angereist und jetzt folgt der absolute Abriss! „Sneak Preview“(!!!), „Klassiker“ und „Antihaltung“! Hamburg zeigt was es kann: Hop-Pit! Ja, das gibt’s. Vor der Bühne U N F A S S B A R fette Party!
Insgesamt über zwei Stunden Deluxe-Programm! Wenn hier jemand enttäuscht nach Hause fährt, dann weiß ich auch nicht. Entweder typischer Hamburger, die Grüne Brille verloren, zu wenig Alkohol getrunken oder es einfach nicht gefühlt. Fakt ist, hier muss sich jeder musikalische Mitstreiter hinten anstellen und die Fresse halten oder sich für einige Zeit im Proberaum einschließen. Wenn der Kuchen redet, haben die Krümel Pause.
Ich trete wie auf Ethanol-Wolken den Heimweg an, fast gedankenlos und trotzdem voll von Dingen, die mir so in den schwebenden Kopf kommen. Menschen, die mir am Herz liegen und denen diese intravenöse Positivitäts-Injektion ebenfalls gut getan hätte; Ideen, Eingebungen und Vorhaben. Da sieht man mal wieder: Musik und Konzerte können einiges! Ich fühle mich richtig gut, auch wenn sich das wieder ändern wird, aber auch das wird sich wieder ändern. Es beschleicht mich ein Gefühl, irgendwas vergessen zu haben … (Jan T. steht draußen in der Kälte und wartet vergebens auf P. Lugosi) … und dass am Ende vielleicht doch alles gut wird.
„Ja, gib nie auf Mann, morgen ist ein brandneuer Tag.“


Egal, wie geil die Tour woanders war, ob Stuttgart, München oder Berlin, in Hamburg fühlt man es noch anders, am meisten vielleicht. Samy fühlt es auch: „Hamburg ist immer noch am schönsten.“
Privat versucht er, seinen Freundeskreis zu verkleinern, ob ihm das in seinem Job mit diesem Album und dieser Tour gelingt, ist zu bezweifeln. Ich möchte hoffen, dass hier heute Abend mitgeschnitten wurde, DAS schreit nach einer visuellen Veröffentlichung! Denn DAS heute Abend, am Freitag, den 28. Oktober 2016, SAMY DELUXE & DLX BAND live im Mehr! Theater Hamburg, war etwas Besonderes. Hat jemand von euch das auch gefühlt? Samy?
So, ich tue es jetzt einfach, denn man wird doch auch mal dürfen: DAS war … wartet, wartet … es kommt gleich, es kommt gleich ……… gleeeich ……. VERDAMMTNOCHMA!