Rome Dog Byron

Jan Termath
Fotograf


P. Lugosi
Stammredakteur


25.09.2016


Rome

|| Dog Byron ||

Nochtspeicher, Hamburg

Im angenehmen, weinkellerartigen Nochtspeicher (zwei Straßen hinter der sündigen Herbertstraße) versammelt sich ein kleiner Kreis des schwarzen Hamburgs und lässt den sonntäglichen TV-Tatort ausfallen. Was gibt es zu bestaunen? ROME! Live relativ rar gesät. Willst du gelten, mach dich selten. Umso erfreulicher, dass eine ausgedehnte Tour, statt sparsamer Einzelshows, über die Bühnen gehen wird. Und nebenbei, das erste Mal offiziell in der hanseatischen Region.
In den Jahren ist die Hörerschaft – und die Aufmerksamkeit – stets gewachsen und ROME erschließen neue Pfade einer größeren Zugänglichkeit. Vom Post Punk und Industrial beeinflussten neofolkischen Untergrund in ein breiteres Spektrum. Das vor kurzem erschienene Album „The Hyperion Machine“ ist gefühlt das eingängigste des bisherigen immensen Outputs von Leitwolf JeROME Reuter. Frau wie Mann darf gespannt sein.

DOG BYRON alias Max Trani aus Rom(!) leistet heute die Aufwärmarbeit. Allein mit Akustikgitarre, in Jeans, Polohemd und Air Max kein leichtes Unterfangen, vor allem, wenn über die Hälfte der Anwesenden im hinteren Teil des eher kleinen Raumes steht und achtlos am Sabbeln ist. Das Material aus diversen Session- und Albenaufnahmen kommt bluesig, rauchig, leise, manchmal sehr laut und überaus gefühlvoll daher; eine kleine Effektpalette wandelt die Gitarre in atmosphärische bis verzerrt geschraddelte Klänge, alles unter der rauen und teilweise an Sevendust erinnernden Stimme des sympathischen Dogs, der die halbe Beachtung zu händeln weiß und souverän in seine intimen Welten taucht – ein guter Musiker, der es fühlt und sein Ding durchzieht. Erfahrung als Vorprogrammist hat der Gute allemal: u.a. Everlast, Turin Brakes, Bush. Bescheiden bedankend schätzt er diejenigen, die verhalten lauschen, applaudieren und später bei ihm am Merch-Stand sein Album „Eleven Craters“ erwerben, ihm kurz mitteilen möchten, dass ihnen seine Musik gefallen hat. Kurz vor Ende des knapp halbstündigen Sets gibt es auch seine Interpretation von The Cures „Lovesong“. Schön.
Solch reduzierte, hoch intime Musik fängt live nicht immer Feuer und es ist schwer, den atmosphärisch passenden Rahmen zu gestalten. Das unschöne „Umbaulicht“ im Nochtspeicher (da kommen wir an anderer Stelle noch zu) und das typisch nordisch verhaltene Hamburg (da kommen wir auch noch hin) tun leider ihren Dienst. Daher der Tipp: in Ruhe genießen, wie einen guten Wein. Signore Trani, Salute!

Nach einer ausgedehnten Zigarettenlänge geht es schon los. ROME spielen fünfköpfig auf, entsprechend bombastisch sind womöglich die Erwartungen. Augen und Ohren auf und durch.
„Transference“ und „Der Brandtaucher“ öffnen die Tore. Ab da an werden wir fast zwei Stunden mit einer Wahnsinns-Setlist durch den gesamten ROME-Kosmos geführt. Die Tourproben haben sich gelohnt; auf’n Punkt und konzentriert zelebrieren die Musiker ihr Dasein. JeROME schaut beim Singen seiner tiefen Texte über die dunklen Köpfe des Publikums hinweg, vielleicht sieht er vor seinem geistigen Auge ein entferntes Rhodesien („One Fire“), die Dächer von Kronstadt („To Teach Obedience“) oder er fragt sich, was der Lichtmann da hinten macht bzw. nicht macht.
Die schwache Leistung am Lichtpult ist leider und wirklich negativ zu erwähnen. Mit dem Licht spielt eine Schülerband am Freitagabend beim Schützenfest im Gasthof Wiechern in der Todtglüsinger Straße, Tostedt, Niedersachsen. Völlig unverständlich, denn das Potenzial ist definitiv vorhanden: in den Songpausen geht zur Abwechslung mal die „Festsaal“-Beleuchtung aus und die Band stimmt ihre Instrumente zu wahrer Schönheit an magischer Klein-Licht-Kunst, mit dem nächsten Stück strahlen dann wieder die fleischfarbenen Gasthof-Bühnen-Leuchter. Grotesk. Konstruktive Kritik im Sinne der Kunst: da geht mehr!
Musikalisch interessant sind die Unterschiede zu den heimisch aufgelegten Platten; ein Teil der Songs wird im verfremdeten, teilweise komplett umgestülpten und auch härterem Gewand vorgetragen. Hier spürt man die Post-Punk-Wurzeln und – schlicht und ergreifend – es rockt. Manchmal mit zeitgleich drei lauten E-Gitarren, treibendem Bass, groovendem Schlagzeug und ein Ziehharmonika-Keyboard-Hybrid ist neben der Akustik-Gitarre ebenfalls dabei. Teilweise wie aus der Garage. Anders aber richtig gut. ROME wie man sie noch nicht gehört hat. Dominieren tun dennoch die ernst verträumten, sehnsüchtigen, melancholischen und stillen Kapitel der Geschichte. So still, dass es zwischen den Liedern derartig ruhig ist, um vereinzeltes Räuspern im Publikum oder das mit-der-Hand-über-die-Haut-Streichen eines Musikers auf der Bühne vernehmen zu können. Das sorgt trotz dickem Applaus irgendwie für eine merkwürdig verhaltene Stimmung. Woran das liegt? Weiß man nicht so genau. Ist es das typische „Ich-geh-zum-Lachen-in-den-Keller-Klischee“? Die Fischköppe mal wieder? Der Typ aus dem Publikum, der während des Auftritts minutenlang desinteressiert WhatsApp und Flirtbörse checkt? Wann wird Staunen zum Starren? Oder ist es gar die ernste Haltung der Band, die orientiert ihr Ding durchzieht, aber ebenso wenig zu sagen hat. Man muss ja auch nicht immer was sagen – Schweigen ist Gold. Das ändert sich, denn JeROME weiß um den Hamburger-Ruf einer Extraeinladung, er spürt es, jeder spürt es, irgendwas ist ein bisschen komisch und drückt im Schuh. Solch ein zurückhaltendes Verhaltensmuster verursacht vielleicht Unsicherheit und zwingt einen dazu, mehr aus sich heraus zu kommen – heraus kommen zu müssen! „Wer rettet uns den Frieden wenn nicht wir selbst? – Secret Germany“.

Wie soll man sich verhalten? Verhalten?

Ohne Mikrofon wird die Konversation mit dem Publikum gesucht, Herr Reuter muntert die Stimmung während einer längeren Gitarren-Stimm-Pause auf: „Laaangweilig!“ Vereinzelte Lacher. Das tut ganz gut. Obwohl alles leicht zugeknöpft wirkt, bricht das Eis und der Abend wird zu einer sehr privaten Veranstaltung, in der die Grenze zwischen Band und Publikum verwischt, auf seine ganz eigene Art und Weise. Beide Seiten öffnen und dutzen sich, sind höflich und scherzen miteinander, es wird endlich locker und gelacht und sanft „geschunkelt“. Alles auf Augenhöhe. Luxemburg-Hamburg: eine neue Partnerstadt-Freundschaft? Ja bitte. JeROME und Band bestätigen schmunzelnd: „Hamburg ist meine neue Lieblingsstadt. Wir kommen wieder.“ Er bedankt sich im Namen aller, Europa und Hamburg seien sehr nett zu ihnen gewesen, dann teilen sie großzügig weiter aus: Es gibt fast eine halbe Stunde lang Hammer-Zugaben und siehe da, die letzten Stücke dann doch noch mit tollem Licht. Man ist sich schon sympathisch. Jubelnde Menschen und winkende Hände; Plektren und Setlisten werden direkt an die Gäste in der ersten Reihe weitergegeben. Bester Mann des Abends ist ein asiatisch aussehender Fan mit langen Haaren, der fast jede Zeile mitgesungen und hier sichtlich sein persönliches und absolutes Fest gefeiert hat. Bombe! So einer sollte am Merch-Tisch was umsonst kriegen. Apropos Merch-Tisch…


Dort ist nach dem Auftritt auch JeROME Reuter wieder zu finden, der völlig entspannt und erdverhaftet den Leuten begegnet. Ein fremdartig empörter Gast beschwert sich erst einmal bei ihm über die Umgestaltung einiger Lieder: u.a. „Aber die Struktur muss doch erhalten bleiben!“ Und das alles ca. 5 Minuten nachdem der letzte Ton verklungen ist! JeROME nimmt es gelassen: „Weißt du, wir sind keine Jukebox. Die Platten hast du ja zu Hause.“ Hätte der empörte Mann doch mal über das Licht gemeckert. In diesem Sinne: Venit, vidit, vicit.