Rawk Attack Killswitch Engage Architects Atreyu August Burns Red While She Sleeps

Jan Termath
Fotograf


Jazz Styx
Redakteur


07.06.2016


Rawk Attack

|| Killswitch Engage || Architects || Atreyu || August Burns Red || While She Sleeps ||

Große Freiheit 36, Hamburg

Tornado-Warnung in Hamburg! Die zweite Auflage vom Indoor-Festival RAWK ATTACK lädt zum Schleudergang in die Große Freiheit 36.

Nur zwei Tage nach dem abrupten Ende von Rock am Ring drängeln sich Szene-Girls, Kuttenträger und Core-Nachwuchs in die Große Freiheit 36. Bereits um kurz vor 18 Uhr brettern WHILE SHE SLEEPS los, und so bleibt wenig Zeit zwischen Feierabend und Fast-Food, das noch wunderbare Wetter zu genießen. Ein früher Blick vor die Bühne lohnt sich allemal, der Saal ist bereits jetzt gut gefüllt, die fünf Herren schießen, vor ihrem schwarz-roten Bühnenbild springend, die ersten Breakdowns ab. Das Publikum setzt zum Kopfnicken an, ein erster Circle-Pit misslingt allerdings, der Döner sitzt noch quer. WHILE SHE SLEEPS heben die Stimmung durch ihre engagierte Performance von Minute zu Minute an. Die Marshall-Verstärker drücken satte Powerchords aus den Boxen, als Dank erklingen laute Sprechchöre der Fans. Durch die Stimmung bestätigt, setzt Sänger Lawrence Taylor zu seinem Ritual, von Erhöhungen in das Publikum zu springen, an. Die Galerie der Großen Freiheit schafft ein traumhaftes Sprungbrett, Taylor wird aufgefangen. Der Auftritt endet mit großem Applaus.

An AUGUST BURNS RED liegt es, die bestens vorgewärmte Saaldecke zum Tropfen zu bringen. Hier wird auf virtuose Gitarrenlines und brutalsten Gesang gesetzt, vielseitig kommt das Arrangement der Songs daher. Der Wechsel von ruhigen Passagen zu heftigen Breakdowns sorgt für Violent Dancing und Circle-Pits, eine Wall of Death darf natürlich nicht fehlen. Das neue Album “Found In Far Away Places“ sorgt für positive Reaktionen, cleane Gesangsabschnitte werden vom Publikum mitgetragen, der Song ‘Back Burner‘ lässt die Halle erbeben. Vor der Tür wie im Konzertsaal selbst, scheint sich eine mitreißende Stimmung anzubahnen. Unwetterwarnung in Hamburg, ein Tornado wütet in der Stadt! Die gerade zurückgekehrten Rock im Park-Veteranen blicken genervt auf ihre Wetter-App. Mit weniger Applaus als bei den vorangegangenen Rockern von WHILE SHE SLEEPS endet das Konzert, die eingefleischten Fans feiern diesen hingegen frenetisch.

Mit ATREYU schiebt sich das musikalische Barometer deutlich in Richtung fetter Nu-Metal-Riffs und grooviger Hooks. Der vielseitige und sehr gute Gesang von Alex Varkatzas lässt die Crowdsurfer von der Leine, die Fans klatschen artig im Takt und grölen die Klassiker aus ihren Lungen. Generell haben ATREYU das Publikum sehr gut im Griff, der Begeisterung kann auch ein zehnminütiger technischer Ausfall des Gitarrenverstärkers keinen Abbruch tun. Die Truppe rettet die Stimmung mit gekonnten Country Licks und „Prince von Bel-Air“-Einlagen, der Saal schwelgt in Erinnerungen an die 90er. Ob das Publikum bei lauten „Turbo Truppe“-Sprechchören sich selbst, die wunderbar abliefernde Band oder die im Akkord arbeitenden Tresenkräfte meint, bleibt ein Geheimnis des Abends. Den nächsten Arbeitstag haben die meisten Konzertbesucher bis hierin bereits ausgeblendet, die Stimmung riecht nach Wochenende.

Aus der völlig verdunkelten Konzerthalle erklingen sphärisch elektronische Klänge eines Einspielers, die Vorfreude auf den nächsten Act ARCHITECS ist im Oberrang deutlich zu spüren, als die Dunkelheit mit einer spektakulären Lichtshow und brachialen Sounds gebrochen wird. ARCHITECTS gelten zu dieser Zeit als Band der Stunde, werden als Co-Headliner des heutigen Abends gehandelt und werden dieser Erwartung, so viel vorweg, vollends gerecht. Mit ihrem Longplayer „All Our Gods Have Abandoned Us“ im Gepäck, treten die ARCHITECTS an, den aktuellen Hype um sich herum weiter zu auszubauen, die durchdachte Show versprüht die Professionalität der ganz Großen, und das Hamburger Publikum dankt es der Band mit allübergreifender Bewegung. Die völlig in Schwarz gekleideten Briten bieten eine unglaublich aggressive Setlist, welche durch viel Stroboskoplicht verstärkt wird und den motivierten Mosh-Pit befeuert. Die geladene Stimmung mündet in breiten Chören, dem geschlossenen Hinsetzen und auf den Punkt Hochspringen des Publikums, schallender Applaus hallt aus allen Ecken und Kanten des Saales.
Es wird Zeit für die gestandenen Szeneväter KILLSWITCH ENGAGE. Musikalisch fehlerfrei und auf den Punkt darbietend, reißt uns das Auftreten aus der düsteren Stimmung der ARCHITECTS völlig unerwartet heraus. Das elektronische Intro und die bunte, extrem kitschige Lichtshow lassen die 90er Jahre an diesem Abend ein zweites Mal aufleben. Stolz wird, neben traditionell an der Peinlichkeitsgrenze kratzenden Ansagen des Bandkopfes Adam Dutkiewicz, eine Deutschlandfahne mit KILLSWITCH ENGAGE-Aufdruck präsentiert. Gerüchten zufolge beim vorangegangenen Rock am Ring-Headlinerauftritt ergattert. Die Band gibt die Richtung vor, und die Große Freiheit zieht geschlossen mit, Marschrichtung: Party, Party, Party. Der Wechsel der Grundstimmung macht den Abend angenehm facettenreich und lässt weder Langeweile noch Eintönigkeit durchklingen. Neben all dem Drumherum ist die Performance von KILLSWITCH ENGAGE astrein und bemerkenswert routiniert. Der Bandsound ist perfekt abgestimmt, die extrem ausgearbeiteten Kompositionen brechen aus dem leider so üblich basslastigen Klangmatsch von Metal-Konzerten hervor, nach nicht getroffenen Töne sucht man vergebens. Die vor wenigen Wochen auf dem Markt platzierte Scheibe „Incarnate“ findet ebenso wie die Klassiker ‘My Last Serenade‘, ‘Rose Of Sharyn‘ und ‘The End Of Heartache‘ Platz im Songrepertoire, sehr zum Wohlwollen der Hamburger Fans.


Nach mehr als fünf Stunden Dauerbeschallung endet das In-door-Festival RAWK ATTACK und erweist sich abermals als Metalcore-Veranstaltung der Superlative. Musikalischer Mix, dargebotene Gesamtperformance und letztlich auch die Stimmung im Publikum suchen an diesem Dienstagabend ihresgleichen. Traurige Blicke, den mächtigsten Tornado in Hamburgs Wetterwelt verpasst zu haben, erblickt man keine, den passenden Schleudergang gab es auch hier, beim RAWK ATTACK in der Großen Freiheit 36.