Rainald Grebe

Jan Termath
Fotograf


Jazz Styx
Redakteur


25.10.2015


Rainald Grebe

Gruenspan, Hamburg

„RAINALD GREBE? So Comedy am Klavier, oder? Ist das nicht der mit Brandenburg? Ich fühle mich heute so ausgebrandenburgt, ne? Ja, das find‘ ich witzig! Den find‘ ich gut! Der hat doch auch dieses Lied mit der Dööörte gemacht, oder? Du bist der Ausstieg aus der Spaßgesellschaft und so. Ganz schön gemein, aber auch lustig! Der ist im Gruenspan? In Hamburg? Ohne sitzen? So ein richtiges Konzert? Hm. Ja, OK, ich komm mit!“ (ungefährer Wortlaut mancher fiktiver Nicht-Dialoge Tage bis Wochen vor dem 25. Oktober 2015)

RAINALD GREBE ist ein Mann in seinen Vierzigern, der trotz Puppenspieler-Diplom und Gesicht irgendwo nicht so ganz falsch abgebogen ist, sodass er nun mit Indianer-Kopfschmuck, rosa Tutu und weißfleckig verschwitztem Hemd auf der Bühne steht und die Grenzen des guten Geschmacks, der politischen Korrektheit und des Begriffs „Humor“ neu erfindet. Der „Dadaist der Kleinkunstszene“ und der „Expressionist unter den Comedians“, so wurden Schubladen für ihn geöffnet, aber eigentlich macht RAINALD GREBE „Aaart“, so seine spöttische Abbildung manches abgehobenen Theaterschaffenden. Abbilden, das ist es, was er tut – meistens. Manchmal die Gegenwart wie in „Auf Tour“, und in „Oben“, oft die Vergangenheit: zum Beispiel „Captain Krümel“ und „Ausleben“. Nicht selten mit einer Abwertung wie in „Wellnesshotel“, in dem „Trümmerfrauen mit Schokolade im Gesicht“ ihm das Gefühl geben, „70 Jahre Frieden sind zu viel!“ Oder „Raucher“, das sich gegen die „Gesundheitsdiktatur“ stellt.

Natürlich ist das Programm sehr witzig: Derbe und vulgär erreicht RAINALD GREBE ein Massenpublikum, wenn er – zitierenderweise – singt: „Und wir schießen uns’ren Samen in den Unterleib der Damen!“, ganz getreu dem von ihm aufgestellten Motto: „Alles, was zu dumm ist, gesprochen zu werden, wird gesungen!“ Ungerecht und erniedrigend erlaubt er sich als „Diktator der Herzen“, einem seiner Mitmusiker drei Flaschen Wasser in die Tuba zu kippen. Provokant und grenzüberschreitend wird es, wenn er mit sehr hoch gepitchter Stimme kichernd behauptet: „Bushido lutscht meinen Schwanz“, und fragt, ob er auf den Index kommt, wenn er fordert: „Tötet Markus Lanz!“ Aber im Grund sind ebendiese Derbheiten und Provokationen ein Vorführen und Entlarven von Alltäglichkeit, von Menschlichkeit, von Dummheit. Er spielt intelligente Satire im mal mehr, mal weniger durchsichtigen Kleid banaler Comedy. Nirgends wird das fassbarer als im Song „Das Volk“, in dem das Publikum im Chor immer wieder ebendiese Worte wiederholt, selbst als RAINALD GREBE singt: „Wer macht jeden Scheiß mit, wenn man’s ihm sagt?“ Dieser Humor ist dennoch nicht von Arroganz geprägt, sondern stets von einer gewissen Traurigkeit, ein wenig von „Königin Schwermut“, von Hilflosigkeit, denn Grebe stellt fest: „Es gibt höhere Töchter und das Abo der Zeit, aber die Masse macht’s und die Masse ist breit!“

„Meine Anlage ist nicht die beste!“

Diese Tragik erreicht ihren Höhepunkt und die Traurigkeit erhält eine Erklärung im Lied „Bengt“, das nämlich von der Chancenungleichheit am Beispiel eines Jugendlichen erzählt, der sich „völlig unbegabt“ mit Cannabis und Death Metal betäubt und letztendlich suizidiert, während seine Mutter „sich schön im Likör ertränkt“. Auf den Punkt gebracht wird der Song in einer Zeile, die scheinbar oder auch vom Abspielgerät seiner Musik handelt: „Meine Anlage ist nicht die beste!“ Wie so oft bei Grebe passen die traurigen Klänge und seine ganz spezielle Stimme perfekt dazu – wenn man denn hinhören kann und möchte. Generell wird hier doch mehr gelacht als geweint.


RAINALD GREBE lieferte erneut ein grandioses Programm, das bei diesem Konzert sehr auf die einzelnen Songs fokussiert ist und das Beiprogramm in den Hintergrund stellt. Eine hervorzuhebende Unannehmlichkeit stellte jedoch die Tatsache dar, dass es sich um ein Stehkonzert handelte. Um sich den Liedern ganz widmen zu können, wäre es doch „angenehm“ („Das Wort des Jahres ist angenehm!“), wenn sich nicht immer wieder andere Gäste – mitunter betrunken – durch die Menge drängelten und sich lautstark unterhielten, was in einem Theatersetting sicherlich wesentlich mehr Beschwerden hervorgerufen hätte. Abgesehen davon bleibt nur das Fazit, das mich als geradezu schmachtenden Fanboy outet: RAINALD GREBE ist einer der größten Künstler unserer Zeit!