Neurosis Tesa

Jan Termath
Fotograf


P. Lugosi
Stammredakteur


16.08.2016


Neurosis

|| Tesa ||

Astra Stube, Hamburg

Die fünf Männer aus Oakland gehen die Sache gern mit angemessenem Ernst an. Zu lachen gibt es nichts, gar nichts. Das Leben ist kein Ponyhof. Trotzdem gibt es was zu feiern: 30 Jahre Bandmotto „Strength And Vision“, Jubiläumstour.

Nach einem komplett ausverkauften Leipzig liegt nun Hamburg auf dem Meißelstein. Strahlend blauer Himmel über St. Pauli, es duftet nach Zuckerwatte, Dom und Großstadt, ein wunderschöner Sommertag. Die wartenden Leute vorm Gruenspan sind entspannt, trinken Bier, rauchen Marihuana, quatschen miteinander und freuen sich auf die Hauptband, die meist passend ausgewähltes Vorprogramm dabei hat, ob Ufomammut, Amenra, The Body oder an diesem Abend TESA aus Litauen.

Die drei Musiker beginnen ihr Set, als sich noch viele Besucher um den wirklich repräsentativen Merchandise-Tisch von NEUROSIS scharen, dennoch schaut und hört ein Großteil zu und ein paar feiern die Band total ab. Schwere Stoner-Riffs und sphärische Melodien verpackt in sehr laute Klanglandschaften. Es geht fast ausschließlich instrumental zu; über die gesamte Länge des Auftritts werden höchstens zehn spärlich eingestreute Textzeilen abwechselnd vom Basser und Drummer black-metal-kreischig zum Besten gegeben. Der Drummer scheint sowieso der dynamische Kern zu sein, und dass nicht nur, weil er mittig auf der Bühne platziert ist. Er hält den Laden zusammen und ein paar Samples parat. Guter Mann.
Alle Songs – mit Titeln wie „Part 87“ oder „IV“ oder „T“ – verbreiten eine einheitliche Grundstimmung, die maximal in ihrer Intensität variiert – es wird Lärm aufgebaut, Lärm abgebaut. TESA erinnern irgendwie an Isis. Sie haben ihre Momente, in denen sie großartige Atmosphäre erschaffen, einen am Schopf packen und mitreißen, aber ja, vielleicht fehlt ein kleines Alleinstellungsmerkmal in Form eines i-Tüpfelchens, ein wenig mehr Gesang würde dem Ganzen gut stehen. Dennoch: gute Band, gutes Handwerk, Gitarren-Soundwand-Atmo-Flash-Geschraddel bis zum Abwinken. Ende TESA.

Schamanen einer brutalen Natur – „Die meiste Band der Welt! Mehr geht einfach nicht!“

Auch wenn dieses vor der Show abgegebene Zitat eines Anwesenden Knorkator entliehen ist, so trifft es doch den Nagel auf den Kopf. Die Liveshows von NEUROSIS sind Kraftakte kolossaler Natur, verdichteter, schwerer Atmosphäre und drückenden Soundkulissen in extremer Lautstärke. Ein raues Erlebnis für Körper und Geist. Dieses Erlebnis bricht mit „Times Of Grace“ gnadenlos aus. Man steht da und macht große Augen vor dieser Machtdemonstration. Der brachiale Sound vakuumiert den Raum, drückt alles Vorhandene raus und platziert sich in den Eingeweiden; selbst das männliche Skrotum vibriert in den Basswellen.
Über zwei Stunden rauscht ein insgesamt zehn Lieder umfassender Querschnitt aus sieben Alben über uns hinweg. Auf der Setlist stehen „Lost“, „Distill“ (enormes Ende!), „Casting Of The Ages“, das frühe „Takeahnase“ und „At The Well“. Vom im September erscheinenden Album „Fires Within Fires“ werden gleich zwei schwer verdauliche Bruchstücke emporgehievt. Die Geräuschkollagen zwischen den Songs halten die rituelle Stimmung aufrecht.
Dieses bestens eingespielte Kollektiv leistet schmerzvolle Hingabe, als gingen sie beim Verrichten ihrer Musik einen radikalen Leidensweg. Jeder gespielte und aufgeraute Ton tut weh, fordert seinen Teil ein. Steve von Till erinnert beim Spielen der heftigen Parts an einen stur aufbockenden Hengst, während Scott Kelly gewohnt gelassen gewalttätig aussieht und in die Songs vertieft ist, Bassist Dave Edwardson ist der extra für einen Auftritt aus der Gummizelle entlassene Irre (dieses Mal mit grünen Haaren), Drummer Jason Roeder sieht man im Dunkel der ausschließlich in blaues Licht getauchten Bühne fast gar nicht und Keyboarder Noah Landis hämmert mit mechanischen Faustschlägen und verzerrtem Gesicht auf sein Equipment ein.

Das Publikum macht dicke Backen, und wenn man es von oben betrachtet, sieht es frisurentechnisch an einigen Stellen aus wie ein halb leerer Eierkarton. Drei Generationen sind dabei und jeder freut sich über ein anderes High“Leid“. Der Sound ist top! Es rauscht und fließt und donnert.
Dann der letzte Hammer! Faust-Keyboarder Noah läutet den Glockenschlag ein: „Stones From The Sky“! Hervorragende Wahl, wie zahlreiche Jubelschreie bestätigen. „… Feeling their rhythm, wash over me“. Ja genau. Hypnose, Trance, Exzess, ohrenbetäubender Lärm, bis man explodiert. Allen tropft der Schweiß aus den Bärten und so wie Scott Kelly mit seinen orange leuchtenden Ohrstöpseln im blauen Nebel steht, das Licht von hinten abkriegt und nur seine bullige Silhouette zu sehen ist, ähnelt er einer angsteinflößenden Kreatur aus „Wo die wilden Kerle wohnen“. Alles verschmilzt in einem Strudel aus Geräuschen – und bricht dann plötzlich ab. Stille. Die Musiker verlassen wortlos die Bühne … Licht an.


Konzerte in dieser Form nimmt man wohl als bewusstseinserweiternd wahr. Ein glücklicher Mensch sagte nach dem Auftritt: „Alter! Um so etwas zu erfahren, reisen andere Leute nach Mekka!“ Ihr merkt schon, man muss es fühlen, um mitreden zu können.