Mirrors for Psychic Warfare Sanford Parker B°Tong Feine Trinkers bei Pinkel daheim

Jan Termath
Fotograf


P. Lugosi
Stammredakteur


12.01.2017


Mirrors for Psychic Warfare

|| Sanford Parker || B°Tong || Feine Trinkers bei Pinkel daheim ||

MS Stubnitz, Hamburg

Ein Tag zwischen Elbphilharmonie-Eröffnung und Freitag, dem 13. hängt ein voller Mond über Hamburg und MIRRORS FOR PSYCHIC WARFARE laden auf die wunderbare MS Stubnitz ein. Die rar gesäten Anwesenden – nicht mehr als 40 – lassen sich von kaltem Wind und Wetter am Hafen nicht abschrecken, sind höchstwahrscheinlich Sympathisanten der Hauptprojekte der beiden Musiker von MIRRORS FOR PSYCHIC WARFARE (Scott Kelly von Neurosis und Sound-Guru SANFORD PARKER (u. a. Buried At Sea, Nachtmystium)) und sind gespannt, was sie denn heute Abend erwarten wird. Physisch liegt der 2016 erschienene Tonträger von MFPW in Form einer selbstbetitelten EP vor; atmosphärisch dichte Soundkollagen zwischen düsterem Drone, Tone und Ambient, weniger als tanz- und mitnickbar, ganz klar, es handelt sich um extreme Kunst für aufgeschlossene Geister – generell scheint die bevorstehende Nacht unter folgendem Banner zu stehen: Sound, Sound, Sound und noch mal Sound.

FEINE TRINKERS BEI PINKELS DAHEIM ist Jürgen Eberhard aus Bremen. Der Auftritt gleicht einem spannenden Experiment im Chemieunterricht. Hier wird mit Schwingungen, übertragenen Vibrationen und eigentlich allem gearbeitet, aus dem sich Geräusche kitzeln lassen. Abgeklebtes Vinyl; tickende Uhren und abrollendes Kreppband; Wasser, welches in Kolben gegossen und anschließend mit Brausepulver vermengt wird; ein kleines Spielzeugauto, das um die wenigen Füße der Anwesenden vor der Bühne fährt; es wird auf Holz gebissen und zu guter Letzt ein fast ritueller Dolchstoß in eine Holzplatte. All das seelenruhig verstärkt, geloopt, verfremdet und „industrialisiert“, so dass ein kalter Klangkosmos entsteht, der musikalisch vielleicht für einige belanglos, aber durch das Miterleben des beeindruckend kreativen Entstehungsprozesses unglaublich faszinierend ist und somit einen ganz eigenen Sog ausübt, vor allem in dieser Umgebung. Ein kleines Highlight.

In eine verwandte Kerbe schlägt B°TONG. Wie ein staksiges Insekt hängt er in tief gesenkter Haltung über seinen Knöpfen und Tasten, kreiert ähnliche Räume und dröhnende Töne, dennoch etwas weniger spektakulär erzeugt als beim Vorgänger, so gibt es nicht sonderlich viel zu berichten. Drone, Sound und Noise wie er üblich ist. Eher zum Lauschen als zur optischen Verfolgung gedacht. Applaus, Verbeugung, Bier und der durchgehend schwankende Kronleuchter über dem effektvollen Maschinenraum der MS Stubnitz.

Und langsam ward es Musik. SANFORD PARKER legt erstmal solo und weniger zurückhaltend los. Neben wahnsinnig lauten, extremen Störgeräuschen mixt der Mann mit Lederjacke, Cappy und Kapuze tief hallige Noise-Beats unter und es passiert, dass man sich dem Hin- und Hergewippe desselbigen kopfnickend anpasst. Düstkalter Krach – untermauert von blitzenden Lichtern –, der an Dälek-Beats erinnert, aber auch etwas eintönig daherwummst.
Nach einer halben Stunde steht Scott Kelly am dunklen Bühnenrand bereit, zieht sich die Kapuzenjacke aus, hängt die Gitarre um, um nahtlos in das MIRRORS-FOR-PSYCHIC-WARFARE-Set einzusteigen.

Unter-Untergrund, zwischen Resonanzen und Frequenzen

Das Projekt, welches ferner auch mit EyeHateGod- und Yakuza-Mitgliedern das ruppigere Nebenprojekt Corrections House betreibt, lässt sich Zeit um die Starrer vor der Bühne in ihren Bann zu ziehen. Nach gemächlichem Atmosphäre-Aufbau durch Parker, steigt Kelly zuerst mit Gitarre, gefühlte 10 Minuten später mit rauer Stimme ein – das triste „Oracles Hex“ wird erkannt. Bereits jetzt zeigt sich, dass die MS Stubnitz der perfekte Ort für derartige Klänge ist. All die Leitungen, all das Holz und Metall in einem verschachtelten Raum voller Stufen, Treppen und verrückter Winkel. Eingelullt und zerdrückend umarmt durch die Ausschweifungen der beiden Hauptakteure, schwebt man in den Eingeweiden eines metallenen Riesen. Da auf der Bühne nicht viel passiert, bleibt Zeit, um die Augen zu schließen, in den Tiefen aus Monotonie und Gemächlichkeit zu versinken, endlose Wüsten- oder Schneeweiten am inneren Auge vorbeiziehen zu lassen, mit nicht weniger als einem schweren Gefühl von Endgültigkeit. Leichte Kost hat hier niemand erwartet. Ein paar wenige der Wenigen wippen trancegleich in den Schwingungen, wirken unheimlich wie die Schweinepriester dunkler Messen aus den Geschichten von H. P. Lovecraft. „43“ leitet das gewaltige Ende ein; der zerrende Strudel aus Keyboard, Samples, Geräuschen und dem immer gleichen Riff bäumt sich unaufhaltsam auf, gipfelt in erdrückender Lautstärke um dann plötzlich abzureißen. Das Nullsignal. Aufwachen. Realisieren. Die Musiker bauen umgehend ihren Arbeitsplatz ab. Im oberen Stockwerk wird zu den Klängen von DJ Difficult Music gemütlich Bier getrunken. An Deck plattert kalter Regen herab, die orangefarbenen Hafenlichter färben die Elbe und der Kronleuchter im Bauch der MS Stubnitz schunkelt unter dem seichten Wellengang stetig weiter …


Ohne Zweifel bereichert der musikalische Untergrund mit seinen Subkulturen die Konzertlandschaft, insbesondere an Orten wie der MS Stubnitz, die mit ihrem einmaligen Ambiente allem den eigenen Stempel aufdrückt und eine extra Portion Einzigartigkeit beilegt. Wie eingangs erwähnt, stehen solche Veranstaltungen im Sinne einer extremen und minimalen Klangkunst, die nicht jeder mag oder verstehen muss. So darf man sich darüber freuen, dass es Menschen gibt, die eben diese Projekte gründen, fördern und am Leben erhalten, ohne ein ausschließliches Auge auf den finanziellen Aspekt zu werfen. Ganz klar ein wertvoller Kulturbeitrag in Zeiten monumentalem, zugegeben beindruckendem, dennoch verkorkstem Kulturprestige in absurder Millionenhöhe, siehe folgende Adresse: Platz der Deutschen Einheit Nr. 1, 20457 Hamburg.