Life of Agony Pyogenisis

Jan Termath
Fotograf


P. Lugosi
Stammredakteur


06.12.2016


Life of Agony

|| Pyogenisis ||

Markthalle, Hamburg

Passend zu diesem Konzertbericht:

Was hat der Nikolaus da denn mitgebracht? Einen Stiefel voller Qualen oder drückt dieser gar nicht mehr so arg? Ein Platz, an dem kein Schmerz mehr ist? Und wie schwer ist es, zu sich und seiner wahren Natur zu stehen? Keith Caputo war einmal, und sind Namen wie Geschlechter letztendlich nicht völlig egal? LIFE OF AGONY, mit ihrem ultra-groovigen NYHC-Sound und der herausstechenden Stimme von Sängerin Mina Caputo, sind auch ohne neuem Album wieder aktiv, touren ab und an um den Globus und begeistern die Menschen – trotz teils persönlich tief verzweifelter Texte – mit ihrer positiven und energischen Anwesenheit. So ist das, wenn man einen guten Ruf hat.

Ausverkauft! – Ohne Schnick und ohne Schnack starten die nach 10 konzertlosen Jahren ebenfalls wiederbelebten PYOGENESIS in ihr Support-Set, ausgehfertig in edle, schwarze Abendgarderobe gekleidet. Wer sie kennt, weiß, dass hier ein klein wenig Kult und massenhaft Erfolg seit Beginn ihrer Karriere (1991) auf der Bühne steht, und was für einen verrückten musikalischen Werdegang die Band auf dem Buckel hat: Über den anfänglichen Death und späteren Gothic Metal zu harten, alternativen „Pop“-Songs und darüber hinaus. So dann … auf ein Neues.

Anfangs noch dürftig gespickt, treten die zahlenden Gäste nach Aufforderung des Sängers und Gitarristen Flo V. Schwarz näher heran und verleiten die Band zu überraschter Danksagung, denn trotz seichter Zurückhaltung beim ersten Zuhören, haben die Stuttgarter mit der sehr wohlgesonnenen Reaktion nicht gerechnet. Sehr sympathisch – die Atmosphäre wird lockerer. Das eingängige Material ist mit äußerst druckvollem Gitarrensound und Ohrwürmern untermalt. Ein Dummkopf aus der Menge schreit nach Liquido und deren Hit ‚Narcotic‘, weiß aber nicht, dass kein aktuelles Mitglied auf der Bühne irgend etwas mit besagter Band am musikalischen Hut hatte. Reaktion: „Ich narkotisiere dich mit meinen Hits!“ Neben dem Hauptaugenmerk auf dem letzten Album „A Century in the Curse of Time“ gibt es ‚Undead‘, das harte und gutturale ‚Those Churning Seas’ und ‚Don’t You Say Maybe’ auf die Lauscher. Beim letztgenannten lohnen sich lohnen sich die Mitsing-Appelle und so schallen etliche ‚Oh-Ohs‘ durch den Raum. „Ich liebe Hamburg!“, teilt Gitarrist Gizz Butt mit, ebenso freuen sich die beiden mit Lärmschutz ausgestatteten Kinder am Bühnenrand und jubeln dem rockenden Papa (Flo?) auf der Box zu. Ein kleines Resümee wird gezogen: „Mit der Musik ging es wegen der süßen Girls los. Jetzt bin ich alt und unsere Fans sind es auch.“ Gewiss sind heute Abend ein paar neue hinzugekommen.

In einem Poll betitelte der Metal Hammer PYOGENESIS als eine der meistvermissten Bands. Sagt vielleicht was aus. Also, auschecken, viel mehr in Sachen Abwechslung haben andere nicht zu bieten. Im März besteht in Hamburg die nächste Gelegenheit sie live zu erleben, im Knust, dieses Mal als Headliner.

Von 0 auf 100 in einer Sekunde. Wie auf den letzten Touren beginnen LIFE OF AGONY mit nichts Geringerem als ‚River Runs Red‘ vom ebenso betitelten und zeitlosem Klassiker-Debütalbum aus dem Jahre Neunzehnhundertdreiundneunzig. Die Markthalle ist aus dem Häuschen, die Stimmung fängt schlagartig Feuer und es wird schallend mitgesungen. LIFE OF AGONY werden wahnsinnig herzlich Willkommen geheißen, Mina bekommt natürlich eine extra Kirsche obendrauf. ‚This Time‘, ‚Other Side Of The River‘, ‚Love To Let You Down‘, Weeds’ etc., wobei 2/3 der Songauswahl auf „River Runs Red“ liegt.
Die Band erwähnt, dass heute Abend, in „Hamburg-Rock-City“, mitgefilmt wird. Der arme Mensch, der mit großer Steady-Cam mitten im Herzen des Pits unabsichtlich geschubst und gedrückt wird, schwankt – triefend vor Schweiß – umher wie ein verlorenes Schlauchboot im Bermuda-Dreieck, später ist er im erlösenden Graben und auf der Bühne zu sehen, filmt lauter wild gewordener Honigkuchenpferde auf einem super Konzert. Wofür das Material wohl verwendet wird?! Die An(ge)wesenden dürfen gespannt und gut drauf sein, wenn die Welt sieht, was im Norden Deutschlands alles so drin ist. Ja ja, bzw. nee nee, die Fischköppe können auch anders!

„UN-FUCKING-BELIEVABLE, Hamburg!“ (Twitter-Post von LOA)

Die Stimmung ist an allen Fronten der Hammer, jeder hat Bock. Gitarrist Joey Z., angespornt durch derartigen Zuspruch, genießt durchgehend und tut eine extra Schippe energiegeladenes Gitarrenspiel obendrauf, Bassist Alan Robert im gewohnt lässigen New-York-Italo Outfit (Hut) und mit regional Bezug nehmenden Misfits-Hemd boomt und springt über die Bühne, nur Sal Abruscato, hoch oben auf seinem Schlagzeugthron sitzend, schaut aus als würde er gelangweilt Kugelschreiber zusammenbauen, anstatt Bomben wie ‚Method Of Groove‘ oder ‚Lost At 22‘ zu zünden, dennoch kann er sich ein gelegentliches Grinsen nicht verkneifen, außerdem muss das Tourleben ziemlich müde machen. Mina ist als Person und „neue“ Persönlichkeit ein imposanter Fixpunkt, dem man erstmal standhalten muss. Absichtlich divenhaft überzogen, nimmt sie den Raum selbstbewusst und auf eine Art überlebensgroß ein, strahlt und singt kraft- und hingebungsvoll düstere Ständchen über Selbsthass, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, aber auch jener Hoffnung, die möglicherweise am Ende eines langen Kampfes zu finden ist. Viele Textzeilen von damals könnte man, wenn man die Geschichte kennt und denn möchte, auf die heutige Mina projizieren: „No more waiting for something better to come along. It’s much easier to change me than it is to change them all. Shed my skin and start again“ (I Regret). Wie dem auch sei: Gänsehaut. Sie gibt alles und krabbelt ans Absperrgitter um ‚Hallo‘ zu sagen. Zu sagen hat sie auch, dass dies ein Ereignis der Liebe ist, denn Liebe ist, wenn von der Bühne aus nur ein einziger Mensch mit Handy zu sehen ist. Lustig und auch traurig, wenn man kurz drüber nachdenkt. Sie schmeißt ihr frisch verwendetes Handtuch in die erste Reihe, Kommentar zum männlichen Fänger: „Now you have something to jerk off tonight!“ Breites Grinsen. Ebenfalls soll das Publikum Bescheid geben, wenn ihre „Tittys“ herausfallen. Wird erledigt, aber es bleibt nippelfrei. Die stilistischen Tempiwechsel innerhalb der Songs kommen genau so präzise wie auf den Alben und bringt den frischen Wind, der LOAs Musik zu mehr als den in den Wurzeln steckenden New Yorker Hardcore macht – Groove-Monster ist ein treffender Begriff. Und niemand muss am heutigen Abend animiert werden um dieses Monster zu reiten; jedes Lied wird dankend angenommen und immens abgefeiert. Es wird auch ein Stück vom im Frühjahr kommenden Album „A Place Where There’s No More Pain“ untergemischt: ‚Dead Speak Kindly‘, welches in der Gesamtauswahl nicht (stilverändernt o.ä.) auffällt, sondern in eben jene Kerbe schlägt, die man an LIFE OF AGONY mag. Nach den letzten „WE ARE THE UNDERGROUND!“-Chören des gesamten Publikums ist Schluss. Applaus und lang anhaltender Zuspruch bis zum Abwinken. Niemand geht deprimiert nach Hause. Ein fantastischer Konzertabend geht zu Ende.


Endlich wurde mal wieder gehüpft und kein Violent-Metalcore-Windmill-Sidekicks-Ich-hab-zu-viele-Chuck-Norris-Witze-gehört-Karate-Dancing mit Verletzungsgefahr, und zwar am besten für den Ausführenden, der eins in die Schnauze verdient hätte, heute aber glücklicherweise nicht anwesend war. Es ging hart aber friedlich zur Sache. Und am Gesprächsstoff der rundum zufriedenen LOA-Zugeneigten-Nachhausewanderer wird bemerkt, dass das Teenager-Dasein vorbei ist, man älter und (möglicherweise) reifer geworden ist: es wird u.a. über Altenpflege, Mottenkugelgeruch, starke Gliederschmerzen und Bartkult geplaudert, durchweg sympathische und entspannte Zeitgenossen, was zeigt, dass die 90er auch schöne Spuren hinterlassen haben. Für die Zukunft anno 2017 ein Zitat auf den Weg: „Show me respect and i’ll show you right back!“ Genau so.

Ein gutes halbes Jahr nach dem Konzert hat Marc sich die neueste Platte von LIFE OF AGONY unter den Nagel gerissen und LOA-Bassist Alan über den Entstehungsprozess, Minas Coming-Out, neue gewonnene Energie, das Leben, persönliche Tiefschläge, alte Label-Probleme, Phil Anselmo, ALICE IN CHAINS, TYPE O NEGATIVE, enthauptete Zombies und Malbücher für Erwachsene ausgequetscht.