L7 White Miles

Jan Termath
Fotograf


P. Lugosi
Stammredakteur


02.09.2016


L7

|| White Miles ||

Gruenspan, Hamburg

Willkommen zur etwas anderen 90er Party. Obwohl L7 schon seit 1985 bestehen, war ihre Hochphase definitiv in den 90ern. Diverse Hits, flächendeckende Anerkennung aus der männerdominierten Rockwelt, gespielt mit den Großen (Faith No More, Pearl Jam, Motörhead etc.), Soundtrack-Beitrag zu Natural Born Killers, Gastspiel im Kinofilm Serial Mom, Auftritte in fast allen renommierten US-Talkshows und so weiter und so fort. Ja, es gab mehr als Eiffel 65, 2 Unlimited, R. Kelly oder gar Nirvana. Die vier Mädels aus L.A. sind seit 2014 – nach 13 Jahren Pause – wieder in Urbesetzung vereint und rocken die Welt mit ihrem Misch aus Punk, Grunge und harter, dreckiger Frauenpower. Seitdem auf etlichen Festivals und als Vorband von Slash unterwegs kommen sie nun auf Headliner Tour zurück nach Hamburg. Geil!

Das musikalische Duo WHITE MILES eröffnet den Abend. Anfangs ist es ziemlich leer vor der Bühne des Gruenspans. Doch spätestens nach dem dritten Song ist es gut gefüllt und die verhaltenen Fischköppe huldigen den energischen Einsatz der Musiker mit begeistertem Beifall. Zur Musik: Es geht scheppernd blues-rockig zu und durch den enormen Druck plus top Sound wird keinerlei Bassspiel vermisst. Die Band sagt selbst: „dirty pole dancer stoner blues rock“. Drummer Hansjörg drischt wie ein Ok­to­pus auf sein Schlagzeug ein, während Sängerin Medina (gekleidet in Jeans, Nietengürtel, Lederjacke und BH) mit ihrer Gitarre über die Bühne sprintet und ordentlich über die Saiten schreddert. Die beiden, die letztes Jahr am besagten Abend im Vorprogramm der Eagles Of Death Metal im Bataclan spielten, geben sich absolut Mühe. Gesanglich denkt man unweigerlich an eine coole Joan Jett und irgendwie sind die englischen Texte besser zu verstehen als die österreichisch-deutschen Ansagen. „Dafür lieaben wiar euch Hamburg!“ und „Es is‘ so geil, mit L7 auf Tour zu sein!“ kommen dennoch klar heraus.

Nach einer halben Stunde ist es vorbei. Das Rad wird nicht neu erfunden, aber eine solide, schnörkellose, energische Rockgruppe hat noch keinem geschadet. Danke WHITE MILES.

„We’re here to blow your fucking face off!“ Ansage.

Das riesige L7-Logo prangt über den Köpfen, damit auch niemand Zweifel hegt, was da gleich auf einen zukommt. Die Stimmung ist schon vor dem ersten Ton prima, alle wollen eine amtliche Rock-’n‘-Roll-Sause, außerdem ist es Freitagabend auf der Reeperbahn. Punkt 20 Uhr betreten die Ladys gelassen und ohne viel Tamtam die Bühne, frenetischer (!) Jubel, Donita Sparks und Co. scheinen selbst etwas überrascht zu sein: „Oh my god, where did you beautiful people come from?!“ Hamburg fühlt sich geschmeichelt und ist von Anfang an voll dabei: „Deathwish“. Ein Ruck geht durch den Laden. Von da an werden die Dinger nacheinander ramonesmäßig rausgeknallt: 1, 2, 3, 4, „Andres“, 1, 2, 3, 4, „Everglade“, 1, 2, 3, 4, „Monster“. Jennifer Finch rollt mit ihrem Misfits-Bass über den Bühnenboden, nach dem dritten Song macht sie es sich etwas bequemer: „The photographers are gone, so now I can get naked!“ Die Band strahlt wie ein Honigkuchenpferd, weiß die Anerkennung zu schätzen, und ja, die „old ladies“ wissen immer noch, wie man einheizt. Das Gruenspan wird zur finnischen Sauna ohne Birkenäste. Schweiß, Schweiß, Schweiß! Alles wird hier im höchsten Maße dankbar angenommen und abgefeiert, alle Beteiligten haben Spaß! Gitarristin Suzi Gardner mit ihrer schweren Kerry King Gedächtniskette an der Hose wirft Kussmünder ins Publikum, singt mindestens 1/3 aller Songs und wirkt wie eine sympathische Courtney Love. Zwischendurch immer wieder betrunken-euphorische Rock-’n‘-Roll-Rufe. Donita hört’s: „We are Rock ’n‘ Roll! We are Punkrock! We make mistakes, and we love doing it.“ – Crackpot Baby!

Die Leute freuen sich, die kultigen L7 noch einmal live zu erleben, Songs wie „Fuel My Fire“ oder „Shit List“ mitzugröhlen. Man trifft hier alte Jugendfreunde – mittlerweile etwas grau und rundlich geworden –, mit denen man damals im Proberaum L7 gehört hat; schick gemachte Altrocker im Stehkragen-Hemd mit Frau; Punks (jung wie alt); 14 jährige Freundinnen, die diese Band zum Glück ganz neu entdecken können. Das Internet ist doch für etwas gut.
Es ist eigentlich nichts hervorzuheben, durch die Bank weg wird zelebriert, Party und Laune gemacht, ein voller Erfolg. Die obligatorische Pause, dann die Zugaben, u. a. „Pretend We’re Dead“ und als Absacker „Fast and Frightening“. Seeehr gut!
Fast 20 Songs und 75 Minuten später sagt man „Auf Wiedersehen“ und dass man sich lieb hat, die Band macht Schnappschüsse – Beifall, Beifall, Beifall. Wo man hinschaut wird gegrinst und erstmal ein isotonisches Getränk verhaftet, den Flüssigkeitshaushalt nach dem ganzen Schweißverlust wieder ins Gleichgewicht bringen. Das ist vernünftig. Draußen ist es noch hell, die Große Freiheit leuchtet mit ihren blinkenden Lichtern, kulissenartig wie das Oktoberfest, es wird Freitagnacht auf St. Pauli.


Da sieht man mal wieder: man braucht keine dicke Bühnen- und Lichtshow, Pyros und Leinwände, um eine richtig geile Rockshow abzuliefern, lediglich eine gute Band, die gute Songs mit so einer Spielfreude raushaut, wie heute Abend hier gesehen. Pretend We’re Dead – nee nee, lieber nicht!