Knorkator

Jan Termath
Fotograf


Jazz Styx
Redakteur


11.11.2016


Knorkator

Große Freiheit 36, Hamburg

Während sich der Saal der Großen Freiheit 36 langsam füllt, darf man alten Schinken lauschen, die auch KNORKATORs Stumpen beim Autofahren hört. Auf einer Leinwand sieht man ihm dabei zu. Irgendwann steigt er aus dem Wagen und humpelt auf einen Stock gestützt durch die Gegend. Alt wirkt er, der Frontmann Deutschlands meister Band der Welt – doch das ist wohl auch die Absicht dahinter.

Mit „Buzz Dee“-Rufen und dem Song ‚Alter Mann‘ beginnt das Hamburg-Konzert auf der KNORKATOR-Tour „Wir freuen euch uns zu sehen“. Stumpen trägt einen dicken sumpfmonsterartigen Tarnanzug, den er nach und nach auszieht. Im Laufe der humorvoll-eitlen Egomanie-Songs ‚Ich lass mich klonen“ und ‚Der ultimative Mann‘ kommt ein hautenger Einteiler zum Vorschein, der den Tätowierungen des Sängers nachempfunden ist. Treffend komplettiert und letztendlich auch gebrochen wird die Trilogie der Selbstherrlichkeit mit ‚Ich bin der Boss‘, der als einer der besten Songs und Titelsong des neuen Albums selbstironisch behauptet, gerade in diesem schön geschriebenen Titel keinen lyrischen Höhepunkt abzuliefern.

Zwischen den folgenden Songs gibt es reichlich interaktives Unterhaltungsprogramm wie KNORKATOR-typisch chaotische Publikumsgesänge oder das scheiternde Hoch-, Herum- und Wegwerfen einer jungen Frau im Publikum – natürlich garniert mit reichlich Beleidigungen – passend zu den Titeln ‚Du nich‘ und ‚Für meine Fans‘, bei denen Stumpen dann seinen Oberkörper entblößt. Der Mann sieht weitaus fitter aus als erwartet.

Zu KNORKATOR-Konzerten gehören auch immer Coversongs – ob man das begrüßt oder eher auch nicht. Die Auswahl heute: ‚Highway to Hell‘ von AC/DC, ‚Geh zu ihr‘ von den Puhdys und ‚Eldorado‘ von der Goombay Dance Band. Zwischendurch wird eine junge Crowdsurferin auf die Bühne geholt. Als ihr verlorener Schuh hinterhergeflogen kommt, steckt Stumpen sich diesen prompt in die Unterhose. Dass er darunter noch wesentlich knappere Wäsche trägt, die seinen Po gänzlich entblößt passt natürlich hervorragend zum Song ‚Ich bin ein ganz besond’rer Mann‘ – da der von Stumpen verkörperte Ich-Erzähler des Titels „mit dem Arschloch essen kann“.

Im Nachhall der beinahe romantischen Beinahe-Ballade ‚Ich will nur fickn‘ darf/muss Alf Ator zu rhythmischen „Fick“- und „Fack“-Rufen des Publikums sein Talent als freejazziger Scatrapper präsentieren – mit sehr ähnlichem Wortschatz. Eine wundervolle Erweiterung seines onomatopoetischen Neologismensongs ‚Konflikt‘ und einer der witzigsten Momente an einem sehr witzigen Abend.

Besonders stark ist auch der Moment, als der ausverkaufte Saal mitgrölend zum Song ‚Zähneputzen, Pullern und ab ins Bett‘ ausflippt.

Einige der ganz großen Klassiker wie ‚Böse‘, ‚Weg nach unten‘ und ‚Eigentum‘ finden ihren verdienten Platz in der Zugabe, in der Stumpen in metallic-türkiser Unterbuchse mit einem skurrilen Senioren-Elektro-Fahrzeug auf der Bühne herumfährt. Zuletzt schließen KNORKATOR das mehr als zufriedenstellende Konzert mit ‚Wir werden alle sterben‘.


Im Laufe des knapp dreistündigen Events hört das Publikum von Stumpen mehr als einmal sehr ehrlich wirkende Sätze à la: „Ich habe einen sehr schönen Freitagabend!“ Damit beschreibt er wohl die Gedanken aller, die heute für KNORKATOR in die Große Freiheit 36 gekommen sind. Applaus, Applaus!