Impericon Never Say Die! Whitechapel Thy Art Is Murder Carnifex Fallujah Obey The Brave Make Them Suffer Polar

Jan Termath
Fotograf


Jazz Styx
Redakteur


04.11.2016


Impericon Never Say Die!

|| Whitechapel || Thy Art Is Murder || Carnifex || Fallujah || Obey The Brave || Make Them Suffer || Polar ||

Markthalle, Hamburg

Am 04. November 2016 stieg in der Hamburger Markthalle ein Konzert der „Never Say Die!“ Tour, wahrscheinlich DAS Konzertevent für alle, die schon im Kindergarten Scherben zerkaut haben, die Helene Fischer in einen Käfig voller Skorpione wünschen und alles Tanzbare als „Mainstream“ verurteilen – sowie alle anderen Freunde des gepflegten Deathcores. Das Line-Up reicht von den Größen WHITECHAPEL, THY ART IS MURDER und CARNIFEX über die weniger deathcorigen OBEY THE BRAVE und FALLUJAH bis hin zu den Vollgas-Einheizern MAKE THEM SUFFER und POLAR.

POLAR machen den Auftakt mit Klängen, die Tim Wiese als Einmarschmusik beim Wrestling dienen könnten: weitgehend gradliniger Hardcore, etwas angemetalt, aber dennoch nicht sehr metalcorig, saucool, unironisch, hart und trotzdem leicht melodisch und recht eingängig. Da wird das Publikum, das gerade den Pit warmmoscht, schon gerne mal „Motherfucker“ genannt. Mit dem aktuellen Album, das den sehr streeten und wenig optimistischen Titel „No Cure, No Savior“ trägt, kann man sich auf ein baldiges Wiedersehen mit POLAR einstimmen.

„Weil nicht alle Knabenmorgen-Blütenträume reiften“ (Goethe): MAKE THEM SUFFER! Endlich Deathcore! Die Todesmetalcore-Fans drehen auf wie die Schokoholiker beim Eintreffen der neuen quadratisch-praktisch-guten Einhornkakaotafel – wohl wissend, dass es heute zur Überdosis kommen wird. Vereinzelt wird Sänger Sean Hermanis vom Klargesang Louisa Burtons unterstützt, die mit ihrem Keyboard der Musik im allgemeinen Breakdowngebrüll des Genres eine merkwürdige, aber nicht uninteressante Einzigartigkeit verleiht. Aktuell empfiehlt sich als Hörprobe von MAKE THEM SUFFER die neueste Single ‚Ether‘. Eine Bewertung des Klargesangs und der wiederholten Wasserfontänen aus den Mundhöhlen der besaiteten Bühnensäue obliegt natürlich dem Einzelnen.

Jetzt wird es genrerandphänomenal: FALLUJAH kloppen vorzüglichste Deathgrowls in einen leicht progressiven Technical Death Metal einer modernen, gitarrenlastigen, atmosphärischen, fast etwas post-black-metalligen Spielart. Die Kalifornier haben dieses Jahr eines der ansehnlichsten Metalalben herausgehauen: „Dreamless“. Wie sie dieses und auch ihren älteren Stuff heute unter das Volk bringen, ist herausragend und wird von diesem entsprechend belohnt, auch wenn es bei der Aufforderung, die Taschenlampenapps ihrer Handys einzuschalten, stilecht und lobenswert fast ausschließlich mit geschwenkten Feuerzeugen antwortet. Komplexe Härte, harte Komplexität, FALLUJAH!

Vor OBEY THE BRAVE werden ein paar sehr ernste und wichtige Worte über Suizidalität junger Menschen geäußert: „It’s OK, not to be OK!“ Das macht es irgendwie schwieriger, die darauffolgende Hardcore-Coolness zu verlachen. Das testosteronige Alphamännchen-Gehabe hat plötzlich etwas von solider Kredibilität und wenn dieser metalcorige Hardcore Menschen als Ventil dienen kann, gibt es wahrlich unangenehmere Umgangsweisen mit den eigenen Unzulänglichkeiten. So seien das Nonstop-Pit-Gemenge, das allgegenwärtige Headgebange und der starke Applaus die Anerkennung für OBEY THE BRAVE, dem ich mich anschließe und auf jegliches Hardcore-Bashing verzichte – auch wegen der wirklich starken Breakdowns.

CARNIFEX machen Deathcore mit etwas albern übersteigert brutalen Lyrics und spätestens seit der neuen Platte „Slow Death“ auch Death Metal, der hier sehr gefeiert wird. Wer an dieser Stelle allzu große Subjektivität in der Berichterstattung problematisch findet, möge den Rest dieses Absatzes überspringen! Denn CARNIFEX sind nicht einfach nur eine Band. CARNIFEX sind Reinigung, Heilung, Katharsis! Möge die Menge im Pit abgehen – mir laufen giftiger Schweiß und lachende Tränen durch die aufgestellten Härchen meiner Gänsehaut. Ying und Yang, Meditation, Fengshui, Brennnesseltee, Yoga, Heilfasten – macht, was ihr wollt, aber gebt mir 30 Minuten CARNIFEX live und meine Welt ist ganz.

Auch THY ART IS MURDER spielen wirklich starken Deathcore, aber nach der Apokalypse wirkt halt auch die effizienteste Zerstörung einer Großstadt wie das kindliche Zertreten einer Sandburg. Dabei klingen die Australier ziemlich krass und lassen auch den Moshpit mal mehr, mal weniger abgehen. Mit ihrem Beitrag zur Split-EP „The Depression Sessions“ haben auch sie 2016 neuen Output geliefert. Gutes Geknüppel, gutes Geschrei, gute Band – aber im Schatten ihrer Vorgänger.

Das Finale – wie sollte es anders sein – wird ebenfalls mit Deathcore bestritten, der bei WHITECHAPEL einen Beiklang von modernem Death Metal hat, aber kaum mehr einen Resthauch vom alten Deathgrind der Band aufweist. Aus der Crowd wird herausgemosht, was noch geht, während hier und da wandelnde Bierleichen und allzu rücksichtslose Brutalo-Tänzer für Unmut sorgen. Die Musik bricht ab. Technische Schwierigkeiten. Als es weitergeht, ist die Qualität mittelmäßig und die Ansagen von Frontmann Phil Bozeman klingen desinteressiert bis weggetreten. Die echten Fans lassen sich davon nicht stören, aber für viele ist der Stimmungshöhepunkt leider längst überschritten, sodass sich der Saal ganz langsam leert. So bringt die Band mit dem aktuellen Album „Mark of the Blade“, WHITECHAPEL, einen in großen Teilen sehr gelungenen Konzertabend zu Ende, sodass die gequälten Ohren der Deathcorefans in verdienter Ruhe nach Hause getragen werden dürfen.