Heaven Shall Burn Deathrite

Jan Termath
Fotograf


Jazz Styx
Redakteur


21.09.2016


Heaven Shall Burn

|| Deathrite ||

Knust, Hamburg

An einem ungewöhnlich warmen Spätsommermittwoch – halb in der Nacht – wandern alle, die in der Lage waren, eines der wenigen Tickets zu bekommen, ins Hamburger Knust, um HEAVEN SHALL BURN zu sehen. Anlässlich ihres gerade erst erschienenen Albums „Wanderer“ machen die Metalcore-Giganten, die sonst den Platz ganzer Sporthallen für ihr Publikum beanspruchen, eine Tour durch kleinere Clubs. Für das Vorprogramm sorgen DEATHRITE.

Zu der für einen Mittwoch nicht gerade frühen Uhrzeit von 21 Uhr beginnt die Vorband ihr Programm: DEATHRITE knüppeln, ballern und poltern einen Oldschool Death Metal in den länglichen, schmalen Raum, dessen Trveness-Faktor ungefähr der beeindruckenden Gesamthaarlänge der Band entspricht. Selbstverständlich gibt es ein Publikum für die bekennend sächselnden Todesmetaller, deren Klänge anfangs noch an einen Wutausbruch im Probenraum erinnern, aber ob dies das gleiche Publikum ist, das hier gerade auf modernen Metalcore wartet, ist sichtbar fraglich. Dass DEATHRITE in ihrer geschickten Brutalität und unverbogenen Direktheit starken Metal liefern, ist nicht zu leugnen, aber HEAVEN SHALL BURN locken nicht direkt die trvesten Oldschool-Metaller an. Hier wäre eine corigere Einheiz-Kapelle vielleicht passender gewesen.

Nach einer geduldstrapazierenden Umbaupause von einem gefühlten Jahrzehnt kommen endlich HEAVEN SHALL BURN auf die Bühne und lassen gleich erst einmal das Publikum den vielleicht beliebtesten Song „Endzeit“ singen: „We are, we are the, we are the final resistance!“ Die Stimmung kippt von „Durchhalten“ zu „Abriss“ im Bruchteil einer Sekunde. Der enge, heiße Laden ist wach und grölt schon bald: „Voice of the voiceless!“

Mit dem Song „Bring the War Home“ zeigen HEAVEN SHALL BURN dann, wie treu sie sich auch mit dem neuen Album geblieben sind, und werden dafür vom ebenso treuen Publikum begeistert belohnt. „Wanderer“ klingt als Albumtitel ja eher ruhig, für manche vielleicht sogar langweilig, aber was aus der Platte – aber natürlich auch aus denen davor – hervorwächst, ist das Gegenteil: Moshpit-Apokalypse, feinste Deathgrowls in Marcus‘ einzigartigem Stil, viel Schweiß, gehörnte Hände, exzessiver Lichteinsatz, vereinzelt fliegende Haare, Gänsehaut bei „Combat“, aber genauso Crowdsurfer in alle Richtungen, Mitklatschen, beeindruckender Death-Metal-Metalcore-Mix, fliegende Bierbecher, fliegende Fäuste und mutig auf dem Bauch fliegende Stagediverinnen. Die Band ruft in gewohnt herzlicher Weise zur Rücksicht untereinander auf, was in diesem „Hexenkessel“ (Zitat Marcus) durchaus angebracht ist. Nach etwa einer Stunde wird bereits der letzte Song angesagt, aber natürlich noch etliche Titel lang weitergefeiert, die auf sonderbare Weise so klingen, als wäre immer und immer noch eine Steigerung enthalten. Für einen Abend, der mit „Endzeit“ begonnen hat, ist das ein wirklich eindrucksvoller Effekt. HEAVEN SHALL BURN können nach wie vor auch die kleinen Bühnen bespielen. So liefern sie hier ein starkes Konzert an einem weitgehend gelungenen Abend, der aber – zum Trost derer, die keine Karte mehr bekommen haben – nicht wirklich zu den außergewöhnlichsten Momenten der Geschichte von HEAVEN SHALL BURN gehört.