Fliehende Stürme Black Forest Disco Art Project

Jan Termath
Fotograf


P. Lugosi
Stammredakteur


29.09.2016


Fliehende Stürme

|| Black Forest Disco Art Project ||

Hafenklang, Hamburg

Kaum sind die vielleicht letzten Sonnenstrahlen in diesem Jahr über Hamburg verschwunden, ziehen dunkle Wolkenberge am Donnerstagabend auf, es tost ein starker Wind durch die Straßen und peitscht Regen über die Elbe: passendes Wetter für Trümmergemüter. FLIEHENDE STÜRME spielen wieder im Hamburger Pendant zum New Yorker CBGB’s, dem Hafenklang direkt an der Waterkant. (Tipp: mal mit der Fähre von den Landungsbrücken anreisen! Eine Station bis Altona (Fischmarkt). Auf Deck und mit ‘nem Bier lässt sich die Gischt ziemlich gut aushalten.)

Ohne Superlative unnötig zu verschwenden, sind FLIEHENDE STÜRME eine wahre Institution deutscher Punkmusik, allein schon durch die frühen und schon lange Kult gewordenen Chaos Z. Wir haben hier eine Band, die seit über 30 Jahren jenseits von Kommerz und Konsum überlebt und angetrieben wird; eine Band, die sich nicht neu erfinden muss oder einen Anlass benötigt, um auf Mini-Touren zu gehen (das letzte „aktuelle“ Album „Warten auf Raketen“ ist 2011 erschienen). Charakteristisch ernst und düster, melancholisch und wütend, nachdenklich und einzigartig in ihrer gewaltigen Art bereichern die STÜRME unser Leben und bieten in schweren Zeiten eine ermutigende Stütze. Gut, dass es solche Bands gibt.

Die Hörerschaft ist ein relativ kleiner, aber fester Kreis, man kennt sich so langsam. Die Band turtelt mit Besuchern und alten Freunden. Das erste Bier ist ausgetrunken und ein zweites perlt in den Griffeln … Zeit für BLACK FOREST DISCO ART PROJECT aus Hamburg. Besteht im Schwarzwald enormer Nachholbedarf an kultureller Disco-Musik? Okay, der Bandname gibt Rätsel auf. Das Trio ThunderBird (v), BlueBird (b) und DrumBird (d) – bad-taste-mäßig in Jackets, teils kurzen Hosen, Kniestrümpfe und Karo-Vans gekleidet – spielt eine Art alternativen Grunge-Punk, und das ziemlich locker und direkt aus der Hüfte heraus. Buzz ’n‘ Roll, sagen sie. Es rollt auf jeden Fall; der Sound ist dick, groovig und rau, nur, je nach Geschmack, mit etwas zu leiser Stimme.
Zeitlich fühlt man sich tatsächlich um die 20 Jahre zurückversetzt, in die härtere alternative Szene der 90er, so haben aber auch die 80er ihre Spuren hinterlassen: Neben dem Material ihrer EPs wird „Adrenochrome“ von den Sisters Of Mercy verwerkelt, weil das eine der Lieblingsbands des Sängers ist – ja, Mann! Die Band findet (Hafen)Anklang und wird vom Publikum fair behandelt, auch wenn noch nicht allzu viele Zuschauer vor Ort sind. Aber der Großteil der kleinen Zuhörerschaft spürt, dass dies mal eine etwas andere, interessante und vor allem starke Vorband ist. Es gibt Applaus und Respekt, „Einen Letzten ham wir noch!“ und „Einen wirklich Allerletzten ham wir noch!“, dann ein Bier.

Obwohl die FLIEHENDEn STÜRME gern ihre Setlist durcheinanderwürfeln, womit bei jedem Auftritt mal die ein oder andere Fan-Perle ihren Weg zur Livepräsenz findet, wird es hier keine Überraschungen geben; live teilt die Band ohne Schnörkel, ohne Showelemente, wortkarg und kompromisslos ihr wunderschön zerrissen verträumtes Liedgut aus. Andreas Löhr raucht beim Aufbau eine, stimmt die Gitarre, die Band formiert sich, das Publikum steht am Bühnenrand, ein wenig Nebel fließt hinzu und das dunkelblaue Licht kommt gut – aber es gibt keinen Stern mehr … „Himmel steht still“. Das schleppende, knapp 8-minütige Stück an den Anfang zu setzen, ist eine Klarstellung, und eine äußerst großartige Wahl.
Jeder freut sich hier über etwas anderes: Die einen zappeln zu den ruppigen Chaos-Z-Stücken „45 Jahre“ und „Duell der Letzten“, während andere durch melancholische Midtempo-Nummern wie „Umarmung“ oder „Horizont“ äußerst fröhlich gestimmt werden. Stiefelartiger Pogo ist nicht, auch in den schnellen und tobenden Momenten steht man eher da und schaut zu und lässt sich von diesem Sturm an Soundwand ohrensausend einlullen. Radikal hypnotischer Lärm.
Die Musik der FLIEHENDEN STÜRME reisst einen auf, geht unter die Haut und holt einen trotz der oft finsteren und hoffnungslosen, spiegelbildartigen Inhalte hoch. Auch wenn sich einem die Tiefe vieler Texte auf einem extrem lauten FS-Konzert nicht unbedingt erschließt, kennen viele die Zeilen und singen sowieso mit und strecken vereinzelt die Hände glücklich in die Höhe.

„Lunaire“ wird als vorerst letzter Song rausgedröhnt. Kurze Pause, Zugabe-Rufe, Zigarette und weiter geht’s: „Das Chaos brütet“, „Satellit“ und ein „Kleines Herz“ zum Abschluss. Danach piepen die Ohren. An der Bar gibt es noch Bierchen und guten Mexikaner, dann geht’s langsam durch ein windiges Hamburg nach Hause, wenn man das Glück hatte, die letzten öffentlichen Verkehrsmittel zu erhaschen, denn es ist spät geworden, aber egal: „Wir fühlen es besser; Vergiss die Ewigkeit; Vergeude die Zeit“.


Hamburg ist immer eine Reise wert, da haben sie Recht. „Doch ich kann nicht bleiben, ich muss jetzt gehen. Ich wünschte, wir würden uns wiedersehen“. Das hoffen wir auch, und auf ein neues Album – wenn man denn hoffen darf?