Eskimo Callboy Any Given Day We Butter The Bread With Butter

Jan Termath
Fotograf


Jazz Styx
Redakteur


29.04.2015


Eskimo Callboy

|| Any Given Day || We Butter The Bread With Butter ||

Docks, Hamburg

Nicht selten ist die erste Band des Abends nur ein kleines Heft qualitativ fragwürdiger Zündhölzer. Einige brechen ab, andere brennen nur für ein paar Sekunden, reichen dann aber doch nicht für viel mehr als zum Entzünden von zwei oder drei Kerzen.

Im Kontrast dazu sind ANY GIVEN DAY ein High-Tech-Flammenwerfer, der den Saal mit 1200 °C heißem Deathcore-Napalm flutet – und das schon fünf Minuten vor offiziellem Konzertbeginn. Hier wird nicht langsam eingeheizt, hier tobt schon nach Sekunden ein Inferno. Da der Saal noch nicht allzu gedrängt gefüllt ist, gelingt es, die Fläche zu über 50% zu räumen, um eine gewaltige Wall of Death heraufzubeschwören.
Auch der anschließende Circle Pit ist so groß, dass sich in seinem sturmgleichen Auge eine Gruppe von über zehn moshmüden Fans ausruhen kann. Neben den Songs von ihrem Debütalbum „My Longest Way Home“ spielen ANY GIVEN DAY auch den Publikumsliebling und Coversong „Diamonds“. Sänger-Tier Dennis Diehl springt dabei immer wieder zwischen passablem Clean-Singing und grundsoliden Death-Shouts hin und her. Passen ANY GIVEN DAY zum heutigen Line-Up? Darüber kann man streiten. Gibt es sonst irgendwas an ihrem Auftritt zu beanstanden? Er war mit knappen 25 Minuten einfach viel zu kurz. Die Menge fordert: Mehr ANY GIVEN DAY!

Es ist einige Jahre her, da spielten ESKIMO CALLBOY als Vorband für WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER. Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet und die deutschen Vorreiter des albern-amüsanten Elektrocore spielen vor dem Trancecore-Headliner. So mancher alte Fan der Butterbrotbutterer wird einwerfen, dass ihnen dies zu Recht geschieht, da das 2013er Album „Goldkinder“ in den Ohren vieler nicht an das wegweisende Meisterwerk „Der Tag an dem die Welt unterging“ von 2010 anschließen konnte. Diese Einstellung lässt sich auch in den rund 40 Minuten ihres heutigen Auftritts erahnen. So rastet die Menge geradezu aus, als schon recht früh die hervorragenden Songs „Superföhn Bananendate“ und „Der kleine Vampir“ gespielt werden, brauchen aber etwas länger, um die aktuelleren Titel zu feiern. Um der eigenwilligen Truppe um den in mehr als einer Hinsicht kritikbelasteten Sänger Paul Bartzsch gerecht zu werden, muss jedoch erwähnt werden, dass das Publikum auch das neuere Material dankbar angenommen hat. Wie so oft müssen sich auch die Fans der frühen WE-BUTTER-Bandgeschichte der Tatsache fügen, dass sich Bands nun mal gelegentlich in Richtungen weiterentwickeln, die sie sich anders gewünscht hätten. Wer WE BUTTER heute zum ersten Mal hört, ist wahrscheinlich und augenscheinlich aus dem Häuschen, doch da sich im Publikum dieser Elektro-Deathcoreler nicht nur Neuhöhrer befinden, gibt es im Saal sicher viele Erinnerungen an Konzerte, bei denen die Menge weit mehr aus ebendiesem Häuschen war. „Mach mir dir Haare schön, mit meinem Superföhn, der von Aldi für 12,90! Was willst du denn noch? Was willst du denn noch? Was willst du denn noch?“

ESKIMO CALLBOY! „Let’s get this party started!“ Die Menge ist bereits bestens gelaunt, warmgetanzt und dicht zusammengequetscht, als die Castrop-Rauxeler Trancecore-Party-Genies um 20:45 Uhr die Bühne einnehmen. Die Sänger Sushi – sein Outfit ernsthaft unbeschreiblich! – und Kevin – man sagt, er sei trotz seines Namens der Gutaussehende in der Band – werden begleitet von astreinem Live-Metalcore und einer Extraportion EDM vom Band – Trance, Eurodance, Elektropop, Dubstep. Zwischen Shouts und cleanen Singalongs hat sich eine amüsante 1990er-Jahre-Nostalgie gemischt, die im Song „Baby“ gipfelt, den angeblich irgendeine Boygroup vor fast 20 Jahren von EC gestohlen hätte – Skandal! Nun ist der Song endlich dort, wo er hingehört, auf der neuen Platte der ESKIMO CALLBOYs. „Crystals“ heißt das Stück, das seit dem 20. März 2015 erhältlich ist. Jede Menge Stoff von ebendiesem Album – zum Beispiel „Bitch Please“, „Kill Your Idols“, „2 Fat 2 Furious“ und „Best Day“ inklusive Rap-Part – mischt sich mit dem „We Are the Mess“-Meisterwerk aus dem Vorjahr: unter anderem „Voodoo Circus“, „Final Dance“ und „Party at the Horror House“. Aber auch Klassiker wie „5$ Bitchcore“, das beliebte „Cinema“-Cover und einer der nicht zu verleugnenden Party-Höhepunkte „Muffin Purper-Gurk“ werden eingestreut.
Zwischen all der zweifelhaften Poesie in den Songs wird auch eine ganze Menge Unsinn gebrabbelt. So etabliert sich schnell die Schlechte-Witze-Strafe, der zufolge sich die Musiker selbst ohrfeigen müssen, wenn sich ausreichend Kollegen und Publikum per gehobener Hand dafür aussprechen. Sushi und Kevin stecken dabei kräftig ein, doch die Höchststrafe von 50 Schlägen trifft den Zerstörer der Minibar, die sich bis zu besagter Zerstörung beleuchtet im Hintergrund drehte. Es wäre möglich, endlos weitere Zwischenfälle zu berichten, die den einen Teil des Publikums begeistern und den anderen eher nerven. Doch wie auch die später vielleicht etwas schwächelnde Stimme von Sushi geht derlei irgendwo zwischen Promille, Party, Tanzen und Pogen unter. Spätestens beim Finalsong und absoluten Superhit „Is Anyone Up“ ist jeder glücklich. Die wenigen Ausnahmen lügen selbstverständlich!


Die noch relativen Newcomer ANY GIVEN DAY haben mit ihrem tendenziell djentigen Deathcore weit mehr als die Position eines Warm-Up Acts verdient. Dementsprechend wurden sie auch vom Publikum gefeiert. WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER zeigten, dass sie trotz vielfach kritischer Rezeption der Studioaufnahmen der letzten Jahre eine absolut unterhaltsame Adresse in Sachen Elektrocore sind. Wie sollte es auch anders sein, die Krönung des Abends waren ESKIMO CALLBOY, die – wie immer – eine hervorragende Party zwischen Dancefloor und Moshpit abgeliefert haben: „Party, party! Party at the horror house. Sex, drinks and drugs till the lights went out.“