Eskimo Callboy Annisokay Palisades Her Name in Blood

Jan Termath
Fotograf


Jazz Styx
Redakteur


02.12.2016


Eskimo Callboy
Annisokay

|| Palisades || Her Name in Blood ||

Schlachthof, Bremen

Was für ein ungewöhnlicher Ort das ist, an dem heute das Konzert von ESKIMO CALLBOY stattfindet. Der Bremer Schlachthof hat nur eine recht kleine ebene Fläche vor der Bühne, dann kommen Stufen, Gitter, Ränge, Balkone, Verwinkelungen, Nischen, eine Bar im ersten Stock und sogar Sitzgelegenheiten hinter der Bühne. Beim Auftritt von ESKIMO CALLBOY kann es nur an Wahnsinn grenzen, was auf dem engen Raum passieren wird. Mal sehen, wie es zuvor bei ANNISOKAY, PALISADES und HER NAME IN BLOOD sein wird.

HER NAME IN BLOOD überzeugen den Schlachhof binnen Sekunden. Überall wird schon gesprungen und der Frontmann Ikepy bekommt enormen Zuspruch für seine gerade eben so verständlichen Ansagen. Ihr Musikmix auf einer Basis von hardcorigem Metalcore hat Death-Passagen und greift auch auf Nu Metal zurück, springt aber am tiefsten in die Groove-Metal-Trickkiste. So gelungen, dass schon wenige Momente nach Konzertbeginn die ersten Moshversuche gestartet werden. HER NAME IN BLOOD locken zahlreiches Getier in den Schlachthof – es wimmelt nur so vor Kigurumis.

Die jungen Menschen der Eskimo Escorts, die sich in den japanischen Tierkostüm-Schlafanzügen befinden, bekommen mit PALISADES Musik nach ihrem Geschmack auf die Ohren. Core trifft Elektro und wird dann zu seinem eher soften Metalcore, bevor der Raum gleich wieder in EDM-Club-Manier explodiert. Die Dreiteilung aus Härte, Elektro und Pop schafft zu zwei Dritteln eine hervorragend eskalative Stimmung, die schon am frühen Abend absolutes Mainact-Feeling aufkommen lässt: Pogen, Springen, Drängeln, Ausrasten. Wenn die Amerikaner ihre nörgelig-soft-poppigen Boyband-Parts noch ein bisschen reduzieren würden, könnte man Sushi zustimmen, der später am Abend meint, dass PALISADES ihnen ernsthafte Konkurrenz machen könnten. Jedenfalls wird das ahnungslose Schlachtvieh zu diesem Zeitpunkt bereits bestens betäubt – durch die Klänge des Trancecores wie durch den in großen Mengen fließenden Alkohol.

ANNISOKAY legen noch einen drauf, wenn es darum geht, das Getier kurz vor der Schlachtbank noch einmal kräftig zu massieren. Körperlich gibt es Circlepits, Crowdsurfing, Moshpits, eine Wall of Death und exzessives Gespringe. Letzteres nicht mehr ausschließlich auf der Tanzfläche vor der Bühne, sondern auch immer mehr auf den Stufen und Balkonen des Saals. Die Trommelfellmassagen setzen sich etwa aus zwei Dritteln Metalcore und einem Drittel Post-Hardcore zusammen. Oder sind das die Klagelaute des todgeweihten Viehs, das hier zum Totentanz aufläuft? Jedenfalls beginnt der Raum neben Biergeruch mehr und mehr nach Schweiß – Angstschweiß? – zu stinken. Die Architektur des Schlachthofes lässt den Frontgiganten Dave noch größer über den Fans aufragen als sonst schon. Die Nähe zum Publikum durch den quasi fehlenden Fotograben trägt ihr Übriges dazu bei, sodass Dave sich sogar selbst eine Runde dem Stagediving hingibt. Langsam, aber sicher, ist das Getier bereit für den Mainact: die Schlachtbank.

Zuvor seien jedoch noch ein paar Mängel an diesem Abend anzumerken. Andauernde Dezibel-Höchstwert-Überschreitungen sind auch während der Soundchecks nicht akzeptabel, liebe Tontechniker. Noch grenzwertiger sind ansonsten aber vor allem einige der wenigen älteren Konzertbesucher, die sich nicht nur volltrunken andauernd gegenseitig mit Bier überschütten, ohne sich um andere Gäste zu scheren, sondern dann auch noch sehr penetrant minderjährige Fans angraben. Leider berichteten auch einige junge Damen aus dem dichten Gedränge vor der Bühne, außerordentlich viel begrabscht worden zu sein. Belegt mit dem überdurchschnittlich anstrengenden Körpergeruch im Saal sorgt diese Liste von Minuspunkten für ernstzunehmendes Zähneknirschen bei so manchem Besucher.

 

Diese Schattenseiten rücken jedoch wieder in den Hintergrund, als noch vor ESKIMO CALLBOY ein stimmungsmachender Elektro-Track das Publikum ausrasten lässt. Nun ist alles zu spät. Die Messer sind geschärft, die Höllenmaschine fordert Fleisch und die verrückten Jungtiere stürzen sich sehnsuchtsvoll ins Mahlwerk des Fleischwolfs. Schon beim Einstiegssong „Crystals“ gelingt das Springen auf der Tanzfläche nicht mehr. Wie eine einzige Masse aus Körpern bleibt kein Raum für moshende Bewegungen. Alles Ebenerdige verwandelt sich in einen zähflüssigen Drängelpit – sogar am Bühnenrand. Ein Block aus Titeln wie „We are the Mess“, „Hey Mrs. Dramaqueen“ und „Party at the Horror House“ lässt im ganzen Saal niemanden mehr sitzen – überall wird gesprungen und gefeiert. Im Kontrast dazu bleibt tatsächlich niemand stehen, als es vor „Best Day“ heißt, alle mögen sich setzen. Es regnet Lob von den Frontchaoten Sushi und Kevin für das Publikum, das Personal und die anderen Bands auf ihrer „European Tour 2016“. Kevin zieht sich die Regenbogenfahne eines blauhaarigen Mädchens von den Eskimo Escorts, dem ESKIMO-CALLBOY-Fanclubs, an und erklärt sich – unter Befürwortung der Message der Flagge – zu Captain Homo. Die Stimmung bekommt selbst für ein Konzert von ESKIMO CALLBOY irre Züge. Ob beim vielleicht extremsten Titel „Muffin Purper-Gurk“ oder dem schnellen „Voodoo Circus“, die Menge dreht durch. Ständig werden Breekachus und auch zahlreiche andere Wesen – unter anderem auch Bandmitglieder – über die Köpfe gereicht, sehen aber mehr und mehr ernsthaft mitgenommen aus.


Die Todesmaschinerie des Schlachthofes hat es mit der Hilfe von ESKIMO CALLBOY geschafft: Aus einem ausverkauften Konzertsaal voller einzelner Fans wird eine einzige einheitliche Masse, ein großer Haufen Trancecore-Hackfleisch, der nur allzu treffend einige Deathcore-Anteile in sich trägt. Mit „Is Anyone Up“ endet eine weitere, hervorragende ESKIMO-CALLBOY-Eskalation. Und wer kratzt jetzt das Mischhack aus den Boxen?