Ensiferum

Jan Termath
Fotograf


Jazz Styx
Redakteur


29.03.2015


Ensiferum

Gruenspan, Hamburg

Ein finnischer Death-Metal-Abend: ENSIFERUM in Hamburg

Der düstere theatrale Konzertsaal des Hamburger Gruenspans füllt sich zwischen Bühne, Merchandise, Bars und rot beleuchteten Säulen nach und nach mit Metalheads, auf die ein rundum gelungener Abend voller finnischem Death Metal wartet.

Den Auftakt machen um Punkt 19 Uhr die sechs Herren von OMNIUM GATHERUM, von denen fünf eine Wand aus langen fliegenden Haaren bilden, während im Halbdunkel dahinter der Drummer die einzige Alternative trägt: gar keine Haare. Die Songs werden von Sänger Jukka Pelkonen mit drei sich stets wiederholenden Aufforderungen garniert: 1. „Hey! Hey! Hey!“ 2. „Give me the horns!“ 3. „No dance moves! Just headbanging!“ Das ist noch Metal, der sich nicht die Frage stellt, ob ein Song mehr Breakdowns oder Singalongs braucht, Metal, zu dem sich niemand zwischen Circle Pit und Wall of Death entscheiden muss, Metal, der nicht mehr braucht als zwei Finger an jeder Hand, lange Haare und einen starken Nacken. OMNIUM GATHERUM spielen mit Freude vor allem Songs vom 2013er Album „Beyond“ und strahlen dabei eine gewisse Prise „oldschool“ aus. Das ist keine kleine Vorband, das ist gelungener und zu Recht vom tobenden Saal gefeierter Melodic Death Metal.

INSOMNIUM bringen um 20 Uhr auch nicht weniger Haarpracht auf die Bühne, obwohl sie nur zu viert sind. Der Sänger und Bassist Niilo Sevänen wird in seinem gewaltigen Growling hervorragend ergänzt vom eingesprungenen Gitarristen und Sänger Kari Olli, der vor allem in den ruhigeren Passagen mit seinem cleanen Gesang geradezu bezaubert. Wie der Kontrast dieser Stimmen wechselt auch die tendenziell progressive Musik zwischen schnellem, aber melodischen Death-Metal-Gehämmer und einer minimal an Folk, deutlich stärker an Doom Metal erinnernden schweren Ruhe – technisch stets einwandfrei bis beeindruckend. Einige der eindrucksvollsten Songs stammen von ihrem neuesten Album „Shadows of the Dying Sun“, von dem Sevänen vor allem „The Promethean Song“ als von Goethe inspiriert herausstellt. INSOMNIUM hinterlassen ein Gefühl, nicht nur großartig unterhalten, sondern künstlerisch-intellektuell berührt worden zu sein.

Schon eine Viertelstunde vor Beginn des Auftritts von ENSIFERUM ist der Saal gefüllt mit leicht mysteriöser mittelalterlicher Flötenmusik. Das Banner zeigt das Cover des brandaktuellen Albums „One Man Army“: tote Bäume, eine königlich bis göttlich anmutende Nebelgestalt und Tiermasken tragende Krieger auf einem Schlachtfeld. Auf dieses Schlachtfeld treten ausnahmslos langhaarig und in kriegerischer Bemalung nun die Musiker von ENSIFERUM. Statt des Keyboarders ist Netta Skog am Akkordeon dabei und bringt ein strahlendes Lächeln und ein wenig locker-leichte Weiblichkeit in den männlich geprägten Abend.
Nebel wird in die Luft geschossen und eine epische Schlacht beginnt: Eine geradezu perfekte Kombination aus fantastisch-epischem Folk Metal und hartem Melodic Death Metal heizt dem Publikum ein. Es ist kein Wunder, dass bei ENSIFERUM auch von Viking Metal gesprochen wird: Diese Musik transportiert das Mittelalter mit nur einem Hauch verklärter Romantik und aus der Sicht einer brutalen Wikingertruppe auf Beutezug. Zu diesen Klängen möchte man Schwerter schwingen oder wenigstens Hörner voller Met. Leider muss ein Plastikbecher mit Bier ausreichen, um dem heute durch eine Frau erweiterten Männerchor auf der Bühne zuzuprosten. Das Akkordeon lockert die schwere Schlachtenmythologie mit einer amüsanten Humppa auf, ein kleiner Abstecher Richtung Disco wird gemacht und nach dem offiziellen Set tauschen die Musiker scheinbar wahllos ihre Instrumente, um Judas Priests „Breaking the Law“ zu spielen. Doch wenn ich heute Nacht einschlafe, werde ich sicher von einer gigantischen mittelalterlichen Schlacht träumen – oder hoffentlich doch eher vom Festgelage danach. Dafür und für diesen Abend geht mein Dank an ENSIFERUM.


Ein Konzertabend im Zeichen finnischen Melodic Death Metals. Mit Begeisterung eingeleitet und eingeheizt von Omnium Gatherum, inspirierend fortgesetzt und bereichert durch die Vielseitigkeit von Insomnium und in die große Schlacht geführt von den hervorragenden Death-Metal-Wikingern von ENSIFERUM. Zu beweinen bleiben diejenigen, die ihren Melodic Death Metal gern mit Pathos, Mystik und Klängen des Mittelalters serviert bekommen, und heute leider nicht im Hamburger Gruenspan waren.