Jan Termath
Fotograf


P. Lugosi
Stammredakteur


31.03.2018


Carpenter Brut

Uebel & Gefährlich, Hamburg

Für 80er-Jahre-Nostalgiker und Freunde alter Horrorfilmkultur sind CARPENTER BRUT ein gefundenes Fressen. Inspiriert durch klassische Synthie-Horrorfilm-Soundtracks des beliebten Retro-Jahrzehnts, dirigieren CARPENTER BRUT aus Frankreich ihren Sound anno 2018 in rockig tanzbare Gefilde, zu denen man mit 220 km/h über die Autobahn brettert und nichts von den apokalyptischen Zuständen mitbekommt, die surreal verwischt hinter blutverschmierten Fensterscheiben vorbeiziehen.

Ein Geheimtipp, der vielleicht bald keiner mehr sein wird.

CARPENTER BRUT im Uebel & Gefährlich, Hamburg
YOUTH CODE in ihrem Element: laut, radikal und minimalistisch

Auch wenn CARPENTER BRUT eine halb anonyme 1-Mann-Firma ist, lässt die aktuelle Album- und Livebesetzung eine Band erscheinen, die sich großer Beliebtheit erfreut und immer größere Clubs und Festivals auf dem Stundenplan hat.
Das neue Album „Leather Teeth“ ist der erste Teil einer Soundtrack-Trilogie zu einem fiktiven B-Movie, der – laut Aussage von Mastermind Franck B. Carpenter – im Jahre 1987 nie gedreht wurde. Fest steht, die Band liebt Klischees, die urtypischen Sounds der 1980er und ihr nostalgischer Mix aus Metal und düsterem Retro-Synthwave sorgt für eins: gute Laune.

CARPENTER BRUT im Uebel & Gefährlich, Hamburg

YOUTH CODE … sind laut, radikal, minimalistisch und konfrontieren das Hamburger Publikum mit lärmigen industriellen Klangwelten, pumpenden Beats und den verzerrten Anklagen von Shouterin Sara Taylor. Ryan George an den Synthie-Pulten und Drum-Maschinen unterstützt anteilig und schreiend am Mikro, performt wie vom Affen gebissen. Das Terror-Duo-Kommando aus Kalifornien stellt asap klar: JETZT SPIELEN WIR!
Hamburg muss erstmal gucken, verdauen und sich drauf einlassen. Die extrem schnarrig-bassigen Beats sind zeitweise im ganzen Körper zu spüren. Da passt wahrlich der Begriff Electronic Body Music, und alles mit einem punkigen Hardcore-Einschlag plus Leck-mich-am-Arsch-nachdem-ich-dir-die-Zähne-aus-der-dreckigen-Visage-geschlagen-habe-Attitüde erster Garde. Eindrucksvoll. In einigen mit Samples unterlegten Passagen streifen Gedanken an Ministry zu Psalm 69 Zeiten die Gedankenmaschine, gar Kirlian Kamera oder Nitzer Ebb treten vor das geistige Auge.
Nachdem zum ersten Mal das Wort an die Besucher gerichtet wird, lockert auch Hamburg etwas auf; es stellt sich heraus, dass YOUTH CODE einigen Anwesenden bekannt sind und diese anfangen, die Band und Songs wie „Carried Mask“ abzufeiern.
YOUTH CODE kamen gut an, hinterlassen Eindruck und danken am letzten gemeinsamen Tourabend mit der Hauptband ab: „CARPENTER BRUT hätten auch irgendeine Synthwave-Band mit auf Tour nehmen können. Das bedeutet die Welt für uns!“, sagt eine bescheidene Band, die sogar schon für Helden wie Skinny Puppy und Front Line Assembly eröffnen durfte und demnächst in Russland und Japan gastiert.

CARPENTER BRUT – in der Heimat fast Volkshelden

Da befindet man sich an einem Samstagabend schon in einem Kriegsbunker mit meterdicken Wänden, und das erste was auffällt, ist, dass in Sachen Lautstärke noch Platz nach oben gelassen wird. Absichtlich?
Der Raum ist vollbepackt, es wird schwierig, vor die Bühne zu gelangen. Dort soll bis Konzertende fröhlich getanzt und gefeiert werden und das wird es auch. Erster Lauschangriff des Live-Trios ist der Opener und Titelsong des neuen Albums „Leather Teeth“, es folgt „Division Ruine“ und Roller Mobster“ von EP III und II. Auf der Bühne ist alles an spektakulärer Lichttechnik aufgefahren, was die Band in petto hat, inklusive der Leinwand, die den gesamten Bühnenhintergrund einnimmt. In collagenartigen Bildern aus Texteinspielern; satanischen Grafiken; Szenen aus B-Movies (u.a. Ragman); lederbehangenen Maskenschlitzern; duschenden Cheerleadern; gefesselten Cheerleadern; Zeitungsberichten über gefundene Leichenteile von Cheerleadern usw., wird grob die Albumstory von „Leather Teeth“ erzählt, in der es um einen Anti-Heavy-Metal-Underdog-Helden geht, der das Cheerleadergirl seiner Träume einfach nicht bekommt, aber alles dafür tun würde … auch unter Einsatz drastischer Maßnahmen.
Es wird weitestgehend Party gemacht. Und die Band ist auf den Punkt eingespielt. Mit französischer Unnahbarkeit wird ein gut gemischtes Set aus allen Veröffentlichungen rausgehauen. Alles ist mächtig, alles ist treibend und klingt exakt wie auf den Alben und EPs. Die gesanglichen Gastauftritte von Kristoffer Rygg (Ulver) bei „Cheerleader Effect“ und Mat McNerney (Grave Pleasures) bei „Beware The Beast“ kommen zwecks Einfachheit von Band und niemanden stört’s.
Nach etwas über einer Stunde … natürlich das Michael-Sembello-Cover von „Maniac“, welches den Abend beendet und alle singen mit. Randinfo: das Lied aus dem Filmhit Flashdance, welches thematisch die manische Tanz-Obsession eines Mädchen behandelt, wurde ursprünglich von dem brutalen Slashermovie Maniac beeinflusst. Hätte es keine textlichen Veränderungen gegeben, sähe der Text wie folgt aus: „He‘s a Maniac, Maniac, that‘s for sure. He will kill your cat and nail him at your door.“ Interessant. Kein Wunder, dass CARPENTER BRUT sich das unter den blutigen Nagel gerissen haben.


Weitestgehend sind zufriedene, verschwitzte Gesichter auszumachen. Ein beeindruckter Gast sagt so etwas wie: „Die sind wie Lamb Of God, nur eben in ihrem Stil.“ Keine Ahnung, was das bedeuten soll, aber unterschiedliche Auffassungen und Meinungsfreiheit im Allgemeinen waren schon immer was ganz Tolles. Dann sagt er noch etwas: „Und kein Schwein kennt die!!!“ Abwarten, Schweine können verdammt gut riechen, vor allem wenn die Trüffeln lecker sind.