Cannibal Corpse Revocation Aeon

Jan Termath
Fotograf


Jazz Styx
Redakteur


07.11.2014


Cannibal Corpse

|| Revocation || Aeon ||

Klubsen, Hamburg

Schauplatz des abendfüllenden Stückes ist das Klubsen in Hamburg, dessen ungewöhnliches Flair sich irgendwo zwischen Zirkuszelt, Konzertsaal, kleiner Sporthalle und rustikaler Diskothek wiederfindet. Sowohl die Tanzfläche vor der Bühne, als auch die Sitz- und Stehplätze im hinteren Bereich sind gefüllt mit dunklen Gestalten in Bandshirts. Unter die deutliche Überzahl an männlichen haben sich auch ein paar weibliche Death-Metal-Fans gemischt und erwarten CANNIBAL CORPSE mit ihrer „A Skeletal Domain European Tour“ auf der relativ kleinen Bühne.

Akt I: AEON (Der Jumbojet)

Ein gewaltiger Jumbojet startet. Er lässt nicht erst langsam die Maschinen warmlaufen, sondern schaltet direkt auf Vollgas und hebt mit großer Lautstärke ab. Das Flugzeug fliegt 30 Minuten einwandfrei geradeaus und vollführt nur vereinzelt melodische Manövern, ohne zwischendurch abzubremsen.

Dieser erste Teil des Abends wird ab 20 Uhr durch die fünf Musiker von AEON bestimmt. Die Schweden präsentieren gradlinigen und kompromisslosen Death Metal à la „auf die Fresse“. Schon nach ihrem ersten Album „Bleeding the False“ waren sie 2006 und sind sie auch heute wieder mit CANNIBAL CORPSE auf Tour. Auf genau diese Band bereitet AEONs halbe Stunde purer Gewalt die Trommelfelle des Publikums vor. Das machen sie unter anderem mit dem Titelsongs ihres neuesten und vierten Albums „AEONs Black“ (2012), das nach eigener Aussage mehr groovt, aber nicht softer ist als das Vorgängeralbum „Path Of Fire“. Von diesem 2010er Album findet die erbarmungslose Death-Metal-Orgie „Forgiveness Denied“ ihren Weg in die Setlist des Abends.

Allerdings scheint der Sänger Tommy Dahlström wohl kein norddeutsches Publikum gewohnt zu sein, das manchmal ein wenig mehr Zeit benötigt, um in Fahrt zu kommen. Seine mehrmaligen Motivationsversuche wurden zunächst nur hier und dort mit rhythmischem Kopfnicken beantwortet. Zum Mitgröhlen lässt sich die schwarze Masse dann doch bewegen und gegen 20:20 Uhr bildet sich der erste Moshpit. Die dortige Springen und Schubsen ist noch etwas zaghaft, doch AEON gibt alles, um die Fans anzufeuern, und liefert damit einen vielversprechenden Vorgeschmack auf den Hauptact.

Akt II: REVOCATION (Die Explosion)

Der Jubojet stürzt ohne auch nur den Versuch einer Notlandung in einen Berg. Mehrere Explosionen lassen Einzelteile von ganz unterschiedlicher Größe wild durch die schneebedeckte Berglandschaft fliegen.

Diese Explosion entspricht dem 45-minütigen Auftritt von REVOCATION, der um 20:45 Uhr beginnt. Die Bostoner Band bringt dabei eine Mischung aus Technical Death Metal und Thrash Metal mit. Was sie gegenüber ihren Vorgängern auf der Bühne an Geradlinigkeit und Brutalität einbüßen, machen sie durch Komplexität und Vielseitigkeit wieder wett. Man könnte sich wundern, was REVOCATION dazu bringt, eine Tour von CANNIBAL CORPSE zu begleiten, und doch sind sie zwischen den beiden reinen Death-Metal-Bands ausgezeichnet positioniert. Ihre Musik sorgt für Abwechslung, die dennoch in die gleiche, vom Publikum gewünschte Richtung weist. Der Groove ihrer Songs und auch die trotz Screaming und Growling oft relativ cleane Stimme von Gitarrist und Sänger David Davidson gönnt den Ohren eine relative Verschnaufpause. Das versuchen die Jungs aus Massachusetts jedoch dadurch zu kompensieren, dass sie wiederholt zu Circle Pits aufrufen. Und die schwarze Menge folgt dem Ruf Mal für Mal bereitwilliger.

Im Gepäck haben REVOCATION ihr brandneues, fünftes Album „Deathless“, das am 14. Oktober das Licht der Ladentheken erblickte. Davon spielen sie den Song „Madness Opus“, der mithilfe einer seiner eigenen Zeilen treffend beschrieben werden kann: „a being of immense and terrifying power“. Doch auch zum Beispiel die gespielten Songs „No Funeral“ vom 2011er Album „Chaos Of Forms“ und „Dismantle the Dictator“ vom zweiten Album „Existence is Futile“ stehen dahinter nicht zurück. Damit sind REVOCATION alles andere als die Ruhe vor dem Sturm des Hauptacts und doch durch ihre Kombination aus Andersartigkeit und Nähe zum Death Metal sehr gelungener Tourbegleiter für CANNIBAL CORPSE.

Akt III: CANNIBAL CORPSE (Die Lawine)

Die umherfliegenden Einzelteile des Jumbojets bringen den Schnee auf dem Berg in Bewegung. Die weißen Massen formen sich zu einer riesigen, ohrenbetäubenden Lawine. Doch diese Lawine ist nicht das beeindruckende Naturschauspiel, das rein und würdevoll einen unbelebten Hang hinunterrauscht, sondern vielmehr die gewaltige, chaotische Bedrohung für Skilift, Waldhütte und den hübschen Urlaubsort am Fuß des Berges. Diese Lawine vernichtet, was ihr in den Weg kommt. Diese Lawine wird im Kino nicht zur Nebenhandlung einer kitschigen Liebesgeschichte. Diese Lawine ist die reine, brutale Gewalt, die vor nichts und niemandem Halt macht und alles mit sich reißt: „To kill as I please, no one can stop me“ (aus dem Song „Hammer Smashed Face“).

Diese Lawine heißt CANNIBAL CORPSE und trifft um 22 Uhr auf die wartenden Fans im Hamburger Nachtclub Klubsen. Innerhalb von Sekunden breitet sich ein heilloses Chaos aus und ein Großteil der Fläche vor der Bühne verwandelt sich in einen einzigen, riesigen Moschpit. Schon der erste Song „Staring Through The Eyes Of The Dead“ vom vierten der aktuell dreizehn Alben, „The Bleeding“ (1994), bringt so viel Jubel, dass der Sänger George „Corpsegrinder“ Fisher um etwas Ruhe bittet. Zwei weitere Songs werden gespielt, deren ausgeschriebene Titel allein die Jugendfreigabe dieses Konzertberichts gefährden könnten. Nahezu niemand im Saal bleibt unbewegt. „Hey! Hey! Hey!“, ertönt es von überall. Nach dem neuen Zombiesong „Kill Or Become“ verwandeln sich die „Hey!“-Rufe in einen Wunsch: „Wall of Death! Wall of Death! Wall of Death!“, den Fisher weder befürwortet, noch ablehnt: „It’s up to you!“ Wie schon „Kill Or Become“ stammt auch der nächste Song „Sadistic Embodiment“ vom neuen Album „A Skeletal Domain“, das erst seit dem 16. September 2014 erhältlich ist.

CANNIBAL CORPSE kennen keine Pause, sie kennen keine Gnade, sie prügeln mit einem Song nach dem anderen auf ihre Fans ein: der Härtegrad flacht dabei niemals ab. Die einzige Hilfe in der Schlacht, die den riesigen Moschpit beherrscht, liefert Fisher, wenn er sich – bzw. seine Haare – in beinahe jeder Gesangspause in einen menschlichen Ventilator verwandelt. Die einzigen Ausnahmen vom Kreisen der enorm langen Haare bildet das Headbangen, auf das sich vor allem seine Kollegen an den Saiteninstrumenten spezialisiert haben. Mit diesen beiden Moves hat echter Death Metal tänzerisch – zumindest auf der Bühne – auch schon sein volles Spektrum entfaltet. Aber das stört hier niemanden. Im Gegenteil!

Irgendwann wird ein crowd-surfendes Mädchen von unzähligen Händen wie ein Opferlamm zum Altar gereicht – und doch von der hilfsbereiten Security vor der Bühne abgefangen. Kurz darauf wird ein Love-Song angekündigt, der allerdings keine Ruhe und mit dem Titel „I Cum Blood“ auch wenig Romantik verspricht. Vielmehr fordert Fisher: „Bang your fucking heads! We need more headbanging!“ Und die schwarze Menge kommt dem nach. Als dann kurz vor Ende des Konzerts der bekannte wie beliebte Song „Hammer Smashed Face“ angekündigt wird, erhalten die Fans einen Befehl: „Now I’m TELLING you to slam!“ Und die schwarze Menge gehorcht: Im Moshpit tobt die Entscheidungsschlacht des Abends.


Um 32:20 Uhr hört die Lawine auf zu Rollen. Musik vom Band erklingt, die Lichter gehen an und CANNIBAL CORPSE spielen keine Zugabe. Das Ende kommt fast ein bisschen plötzlich, aber ebenso plötzlich hat diese Urgewalt ja auch begonnen.