Acres Canvas Imminence

Jan Termath
Fotograf


Jazz Styx
Redakteur


24.09.2015


Acres

|| Canvas || Imminence ||

headCRASH, Hamburg

Warum nicht einfach mal mit dem Highlight des Abends anfangen? IMMINENCE spielen das härtere Ende des Post-Hardcore, der diesen Abend bestimmen soll. So laden der verzweifelt geschriene Text und die motivierende, melodische Härte der Musik zum Abgehen ein …

… Diese Einladung wird auch angenommen – von einer Person. Doch auch bei den etwa 29 weiteren Gästen ist ein ernsthaftes Interesse zu bemerken. So folgen sie den Aufforderungen, von Sänger Eddie Berg, abwechselnd die Tanzfläche frei zu machen und sie dann doch wieder zu füllen, weil sich beinahe niemand bereit erklärt, sie mit Tanzeinlagen zu füllen. Aber genug der Worte über die gähnend leere Location, denn IMMINENCE geben alles und bekommen den viel zu großen Raum durch andauernde Interaktion durchaus mit Leben gefüllt. Besonders emotional wird es, als sich Eddie zu einem Sprechgesangspart auf den Bühnenrand setzt und das Publikum auf dem Boden Platz nimmt. Ein „Get up!“ befördert dann alle wieder auf die Beine und die meisten sehen das zum Anlass, zu tanzen. Eine Zugabe rundet das Programm ab, das sich aus Songs vom aktuellen Album „I“ und Titeln von davor und auch danach zusammensetzt. IMMINENCE aus Südschweden sind echt, motivierend und trotz Metalcore-Härte post-hardcore-emotional! Ein besonderes Plus: Gitarrist und zweite, deutlich härtere Stimme Harald Barrett. IMMINENCE haben das Zeug und es verdient, deutlich größere Gruppen zu beschallen. Hoffentlich tun sie das sonst auch.

CANVAS beginnen nach einer kleinen Pause ohne irgendeinen Vorspann, einen beinahe komplett leeren Raum zu bespielen, doch die nach wie vor circa 30 Gäste kehren schnell zurück vor die Bühne. Der Schülerbandcharakter, den die Musiker ausstrahlen wird unterstrichen von einer kleinen Portion College Rock, der dem grundsoliden Post-Hardcore anreichert. Insgesamt erscheinen die Songs allerdings – genretypisch – ein wenig höhen- und tiefenlos, auch wenn einzelne Songs sich immer wieder steigern bis zu dem Punkt, an dem endlich Stimmung ins Publikum kommt – und der Song endet.

Der Vorteil an dem kleinen Publikum ist die Nähe zur Band: Sänger Rick steht das ganze Konzert über zwischen den Fans. Als er eine Ballade anstimmt, möchte man diese kleine, auf ihre eigene Weise konsequent, aber keineswegs unangenehm zuende-gehipsterte Person in den Arm nehmen. Das kann man im Post-Hardcore durchaus ein Achievement nennen. Ebenfalls nicht unpassend, aber wesentlich beängstigender ist die Tatsache, dass sich der Gitarrist beim letzten Song fortwährend gegen den eigenen Kopf schlägt. Hoffen wir, dass dies zu Theatralik der Show gehört und nicht so schmerzt, wie es aussieht. Die noch sehr junge Band CANVAS aus England macht einen noch sehr unsicheren Eindruck, den sie jedoch bald, wenn Rick in seiner relativ neuen Position als Vocalist voll angekommen ist, sicherlich bald überwinden werden. Eine Spur mehr eigenen Charakter dürfte sich CANVAS dann jedoch auch noch zulegen, auch wenn sie jetzt durchaus schon tiefe Emotionen transportieren können.

Zu guter Letzt spielt der Hauptact ACRES, der jedoch auch nicht mehr Publikum herbeilockt – was aber wahrscheinlich am Reeperbahn Festival liegt, dass zurzeit die Gegend um das HeadCrash fest im Griff hat. ACRES können durch eine geschickte Stimmkombination von Leadsänger Ben Lumber und Bassist und zweiter Stimme John Osola punkten und einen schmerzvollen, tiefen Post-Hardcore hinausbrüllen. Die Band gibt sich trotz des kleinen Publikums alle Mühe und lässt sogar die kleine Gruppe, die sich um den von der Bühne gestiegenen Ben versammelt, mitsingen – sehr textsicher! Dass das Publikum zum großen Teil aus den vorangegangenen Bands besteht, hilft dabei und beim Erzeugen von Stimmung: Der „Give me something!“-Ruf wird erhört, es wird sogar gepogt – für einen Moment. ACRES spielen sich und die kleine, aber familiär anmutende Fangruppe durch emotional wie musikalisch wirkungsvolle Stücke wie „Overburden“, „Miles Apart“, „Peninsula“ und „The Tallest Of Mountains“. Das stimmungsvolle, tiefe und letztendlich einfach schön zu nennende Konzert endet um 23 Uhr.


Für die wirklich kleine Gruppe an Zuhörern war das Hamburger HeadCrash einfach eine deutlich zu große Location. Doch trotz des weitgehend leeren Raums haben alle drei Bands mit großer Motivation unterhalten. CANVAS lassen frühe Blicke auf einen potenziellen Erfolgsweg zu, ACRES machen mit der Essenz von gutem Post-Hardcore Lust auf mehr, aber ganz besonders hervorzuheben sind IMMINENCE, die mit einem vielseitigen und intelligenten Post-Metalcore die Stars dieses – sehr kleinen – Abends waren.